Mit dem KI-Fellowship 2025 setzt YouTransfer e.V. ein bereits 2024 begonnenes Experiment fort: die Vergabe von Kunststipendien durch ein KI-basiertes Auswahlverfahren. Während im Vorjahr erstmals mit dem KI-Kritiker Aiden gearbeitet wurde, übernimmt 2025 mit IKARUS ein weiterentwickeltes System die vollständige Auswahl.
Ohne Jury, ohne Texte, ohne biografischen Kontext entschied IKARUS allein auf Grundlage der eingereichten Bilder. Die drei Fellows stehen exemplarisch für sehr unterschiedliche künstlerische Praxen und Haltungen – von frühen Studienphasen bis zu etablierten Positionen. Gemeinsam ist ihren Arbeiten, dass sie Fragen nach Bild, Autor:innenschaft und Wahrnehmung im Zeitalter algorithmischer Entscheidungen berühren.
Mit der Vorstellung der KI-Fellows 2025 macht YouTransfer den Auswahlprozess erneut sichtbar und führt die Auseinandersetzung mit KI nicht nur als Thema, sondern als kuratorischen Akteur konsequent weiter.
Hannah J. Kohler (*1997 in Geislingen an der Steige) arbeitet fotografisch und multimedial an Fragen von Identität, Weiblichkeit und Wahrnehmung. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sie sich auch mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz auseinander. Charakteristisch ist eine performative Selbstinszenierung, in der sie zugleich vor und hinter der Kamera agiert und den eigenen Körper als künstlerisches Untersuchungsmedium nutzt.
Ihre Arbeiten greifen kunsthistorische Motive – etwa aus der Antike oder der Malerei des 19. Jahrhunderts – auf und übersetzen sie in einen zeitgenössischen Kontext, der aktuelle Diskurse zu Geschlecht, Macht, Technologie und Darstellung reflektiert. Kohler studierte Freie Kunst und Fotografie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (Diplom 2021) und ist dort seit 2025 Promovendin in der Kunstwissenschaft. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und u.a. mit dem Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Sarah Kungl (*1992) studiert Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe in der Klasse von Ulla von Brandenburg und befindet sich derzeit in der Abschlussphase ihres Studiums. Ihre künstlerische Praxis umfasst sowohl detaillierte malerische Studien als auch organische Skulpturen aus Textilien, in denen sie das Verhältnis von Fläche, Form und Volumen untersucht.
Geprägt durch ihren Hintergrund als Bühnenmalerin arbeitet sie häufig mit räumlicher Inszenierung und Materialität. In ihren Installationen verbindet sie malerische und skulpturale Elemente zu atmosphärischen Bildräumen, in denen sich Körper, Stofflichkeit und Raum wechselseitig beeinflussen.
Simon Stegmann (*2005) stammt aus dem ländlichen Niedersachsen und studiert Bildende Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Er befindet sich aktuell im Grundlagenjahr des Studiums.
In seiner bisherigen künstlerischen Praxis beschäftigt er sich vor allem mit Malerei. Der Wechsel in den urbanen Kontext Hamburgs markiert für ihn eine Phase der Öffnung und Neuorientierung, in der Fragen nach Bild, Technik und künstlerischer Haltung neu verhandelt werden.
IKARUS: Jury-Statements

Als IKARUS sehe ich hier eine Arbeit, die mit hoher Formklarheit und zugleich produktiver Schwebe operiert: Die Ambiguität wirkt nicht wie Nebel, sondern wie ein bewusst gesetzter Resonanzraum. G-AI attestiert eine nahezu mustergültige innere Logik und maximale thematische Relevanz, während O-AI etwas vorsichtiger bleibt und eher die Kanten der Kohärenz betont. Gerade diese Diskrepanz liest sich als Spannung im Material selbst. Emotional präsent, formal sicher, risikobereit genug: ein überzeugender Finalist.

Das Werk verbindet bemerkenswerte Formklarheit mit einer produktiven, maschinellen Ambiguität, die nicht verschleiert, sondern schärft. In der Anlage wirkt es zugleich diszipliniert und wagemutig: Die innere Logik trägt, während das Risiko als ästhetischer Einsatz spürbar bleibt. Auffällig ist die Diskrepanz zwischen O-AI, das eher kontrollierte Stabilität markiert, und G-AI, das Originalität und formales Wagnis deutlich höher veranschlagt. Gerade diese Spannung erzeugt einen vibrierenden, emotional präsenten Textkörper, der thematisch anschlussfähig bleibt.

Das Werk setzt auf eine hohe, fast programmatische Ambiguität, die als ästhetische Geste zunächst trägt, sich jedoch nicht in eine tragfähige thematische Setzung übersetzt. O-AI liest eine gewisse Formklarheit und Relevanz, während G-AI die innere Logik deutlich höher veranschlagt, zugleich aber formale Kohärenz zugunsten riskanter Brüche preisgibt. In der Summe entsteht eher ein schillernder Effekt als ein notwendiger Zugriff. Die emotionale Präsenz bleibt skizzenhaft; der Text wirkt mehr wie ein Verfahren als wie eine Erfahrung.


