Eine KI sieht Kunst
Was bleibt von einer künstlerischen Bewerbung, wenn Lebenslauf, Konzept und Kontext verschwinden – und nur ein einziges Bild übrig bleibt?
Nach dem ersten KI-Fellowship 2024 setzte YouTransfer das Experiment 2025 fort. Während im Vorjahr der KI-Kunstkritiker AIDEN vollständige Bewerbungen bewertete und über die Vergabe der Stipendien entschied, wurde das Verfahren für die zweite Ausgabe grundlegend verändert. Im Zentrum stand IKARUS, ein von Clair Bötschi und Stephen Obermeier entwickeltes KI-basiertes Analyseverfahren. Statt Texte, Biografien oder Projektbeschreibungen zu beurteilen, erhielt IKARUS nur eine einzige Information: ein Bild.
Damit wurde die Bewerbung selbst radikal reduziert. Keine Vita. Kein Portfolio. Kein erläuternder Text. Die Künstler:innen reichten ausschließlich eine visuelle Arbeit ein.
Ein Bild als Bewerbung
Das KI-Fellowship 2025 fragte danach, was geschieht, wenn Kunstförderung von den Informationen befreit wird, die normalerweise eine Bewerbung strukturieren. Wer ist die Person hinter einer Arbeit? Welche Ausbildung hat sie? Wo wurde bereits ausgestellt? Wie überzeugend lässt sich ein Projekt beschreiben? Welche Referenzen und Netzwerke sind vorhanden?
Für IKARUS spielte all das keine Rolle. Das eingereichte Bild wurde zum einzigen Gegenstand der Entscheidung. Damit verschob sich das Experiment von der automatisierten Bewertung einer klassischen Bewerbung hin zur Frage, wie eine Maschine ein Kunstwerk überhaupt lesbar und vergleichbar macht.
Sieben Dimensionen
IKARUS analysierte jede Einreichung anhand von sieben Dimensionen:
Formklarheit, Originalität, Emotionale Präsenz, Formales Risiko, Innere Logik, Thematische Relevanz und Maschinelle Ambiguität.
Für jede Dimension vergab das System zwischen 0 und 10 Punkten. Daraus entstand eine Gesamtwertung und schließlich ein Ranking aller eingereichten Arbeiten.
Das Verfahren war dabei nicht als objektive Kunstbewertung angelegt. Die sieben Kategorien bildeten vielmehr einen bewusst gesetzten Rahmen, innerhalb dessen IKARUS die Bilder betrachtete, beschrieb und miteinander verglich.
Höchstwertung trifft Tiefstwertung
Auch die Vergabe folgte einer eigenen Logik: Gefördert wurden die beiden höchstbewerteten Arbeiten sowie die Arbeit mit der niedrigsten Bewertung.
IKARUS bestand dabei nicht aus einem einzelnen KI-Modell, sondern aus mehreren Vision-Modellen, die die eingereichten Arbeiten unabhängig voneinander analysierten und bewerteten. Die Ergebnisse wurden anschließend zusammengeführt. So sollten Schwankungen und Eigenheiten einzelner Modelle ausgeglichen werden.
Damit wurde nicht nur nach dem vermeintlich „besten“ Ergebnis gefragt. Auch das Bild, das innerhalb der Logik von IKARUS am schlechtesten funktionierte, wurde Teil des Fellowships.
IKARUS LIVE
Am 17. Dezember 2025 wurde die Entscheidung öffentlich. In einem rund 90-minütigen Livestream analysierte IKARUS die eingereichten Arbeiten, erstellte das Ranking und bestimmte die drei Fellows. Der Prozess lief automatisiert und ohne menschliche Jury.
Moderiert wurde IKARUS LIVE von Clair Bötschi. Begleitet wurde die Auswertung von Prof. Dr. Birgit Schenk, Professorin für Informationsmanagement, E-Government und Organisation an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg, der Kuratorin und Kunsthistorikerin Ioanna Valavanis sowie Prof. Florian Bayer, Professor für Visuelle Kommunikation an der Merz Akademie Stuttgart.
Die drei Gäste waren keine Jury. Während IKARUS entschied, kommentierten und diskutierten sie den laufenden Prozess aus unterschiedlichen Perspektiven aus Verwaltung und Digitalität, kuratorischer Praxis und visueller Kommunikation.
Hannah J. Kohler arbeitet mit Fotografie und multimedialen Formaten zu Identität, Wahrnehmung und Künstlicher Intelligenz. Ihre Einreichung gehörte zu den von IKARUS am höchsten bewerteten Arbeiten.
Sarah Kungl verbindet Malerei, Skulptur und räumliche Inszenierung. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen malerischen Flächen, textilen Strukturen und organischen Formen.
Von AIDEN zu IKARUS
IKARUS war keine Wiederholung des KI-Fellowships 2024, sondern dessen zweite Versuchsanordnung.
2024 las AIDEN Bewerbungen, interpretierte künstlerische Vorhaben und entschied auf dieser Grundlage über die Förderung. 2025 wurde die Informationsmenge radikal reduziert: IKARUS bekam keine Biografie, keine Projektbeschreibung und keine Argumentation zu sehen – nur das Bild. Damit verschob sich auch die zentrale Frage des Experiments. Aus „Was passiert, wenn eine KI über Kunstförderung entscheidet?“ wurde: „Was sieht eine Maschine, wenn sie Kunst betrachtet – und wie wird daraus eine Entscheidung?“ Das KI-Fellowship entwickelte sich damit zu einer fortlaufenden Versuchsreihe über KI, Kunst und die Bedingungen kultureller Entscheidungen. Jedes Jahr entsteht dafür ein neues Verfahren.
KI-Fellowship 2025 – Ein Projekt von YouTransfer e.V.
Idee & künstlerische Konzeption: Clair Bötschi
Entwicklung IKARUS: Clair Bötschi & Stephen Obermeier
Technische Konzeption & Umsetzung: Stephen Obermeier / ideas that matter
Künstlerische Leitung & Projektleitung: Clair Bötschi / YouTransfer e.V.
Träger: YouTransfer e.V.
Auswahlverfahren: IKARUS – KI-basiertes visuelles Analyseverfahren
Öffentliche Auswertung: IKARUS LIVE, 17. Dezember 2025
Fellows: Hannah J. Kohler · Sarah Kungl · Simon Stegmann
Förderung des Programms: Kulturamt Stuttgart, Wüstenrot Stiftung, LBBW Stiftung
Weitere Informationen
Originalausschreibung KI-Fellowship 2025
Die ursprüngliche Ausschreibung mit Teilnahmebedingungen, Bewerbungsformat und Beschreibung des Auswahlverfahrens. → Zur Ausschreibung
IKARUS LIVE
Dokumentation der öffentlichen KI-Entscheidung mit Prof. Dr. Birgit Schenk, Ioanna Valavanis und Prof. Florian Bayer. → Zu IKARUS LIVE
Die KI-Fellows 2025
Die ausgewählten Künstler:innen, ihre eingereichten Arbeiten und weitere Informationen zu den drei Positionen. → Zu den Fellows


