KÜNSTLICHE GEGENWART #4 – Interviewporträt zu Kunst, KI und kreativer Arbeit
„Klang wird Ort wird Klang“

Das Duo während der Konzertinstallation Whereisthe Seed—(2025) © Jochen Detscher.
Klang als epistemisches Medium bei Lena Meinhardt & Eva Dörr
Das Duo Lena Meinhardt und Eva Dörr lernte sich bereits 2018 im Rahmen eines Programmierkurses für Musik kennen, keine zufällige Konstellation, wenn man auf ihre Werdegänge schaut: Nach ihren Aktivitäten als Techno DJ war Lena Kontaktstudentin in Computermusik und studierte anschließend audiovisuelle Medien, während Eva Perspektiven aus Bildender Kunst und Mathematik in die Zusammenarbeit einbringt. Aus der Begegnung entwickelte sich eine Kollaboration, die sich konsequent auf den Klang von Räumen, Orten und deren Transformation konzentriert.
Zentral steht dabei eine exponierte Form des Hörens: Orte werden nicht dokumentiert, sondern als komplexe akustische Gefüge begriffen und in Klangporträts überführt. Diese Porträts entstehen durch intensives Sammeln und Selektieren: „Man ist einfach da und hört“, und das über etliche Stunden. Der Prozess umfasst das Hören vor Ort, Aufnehmen, Verarbeiten und Zurückkehren, um gezielt bestimmte Klänge einzufangen. Ein solche Praxis hat eine kontemplative Qualität, ein konzentriertes, beinahe meditatives Sich-einlassen auf die Eigenlogik und das akustische Terroir, das es freizulegen gilt. Die gesammelten Klänge werden im Studio gesichtet, kategorisiert und kompositorisch angeordnet. Es entstehen elektroakustische Arbeiten, die häufig auch als Installation an die jeweiligen Orte zurückkehren. Ihre Projekte entstehen meist im geförderten Rahmen von Institutionen oder kuratierten Formaten und operieren so ökonomisch in einem typischen Modus der Gegenwartskunst.
Im Zuge von Whereisthe Seed— (2025) in Kooperation mit dem Salon Populaire nahmen die Künstlerinnen im Hauptschiff der Kirche St. Maria in der Tübinger Straße Orgelklänge auf, die digital transformiert und über ein mehrkanaliges Lautsprechersystem wieder in den Raum eingespeist wurden. Die Installation erzeugte eine Irritation in der Wahrnehmung, eine rhetorische Verschiebung zwischen Quelle und Klang, Original und Reproduktion. Technisch und konzeptuell ist die Zusammenarbeit klar strukturiert: Komposition und zeitliche Dramaturgie liegen stärker bei Lena, während Eva räumliche Systeme, generative Prozesse und visuelle Elemente entwickelt. Aufschlussreich ist dabei ihr pragmatischer Umgang mit dem Material: Lautsprecher und andere Tech-Devices sind für sie primär funktionale Elemente: „Mittel zum Zweck.“ Entscheidend sei ihre Positionierung im Raum und ihre akustische Wirkung, nicht ihre visuelle Erscheinung, gleichwohl entstünden durch die Anordnungen oft überschüssige ästhetische Effekte.
Ein jüngerer Strang ihrer Arbeit führte sie in den Bereich der Künstlichen Intelligenz. Ausgangspunkt war ein spezifisches Forschungsprojekt des RAVE Teams am IRCAM, das ein neuronales Modell zur Audiotransformation bereitstellt. Anders als bei textbasierten KI-Systemen arbeitet dieses Modell direkt auf der Klangebene: Es wird mit Audiomaterial trainiert und erzeugt daraus neue Klangstrukturen. „Wir mussten das Modell mit sechs Stunden Material unserer Stimmen füttern. Das Training hat einige Nächte gedauert“, berichten sie. Das Modell konnte anschließend Klänge in eine hybride, zwischen Stimme und Geräusch oszillierende Ausgabe übersetzen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der inhärenten Unschärfe der Systeme: „Es ist eigentlich am besten, wenn es noch nicht funktioniert“, sagen sie. „So entstehen Sounds, die anders nicht zu generieren sind.“
Die Fehler, Brüche und Übergänge werden also nicht als Defizite begriffen und die KI nicht als effizientes Werkzeug zur Optimierung verstanden, sondern als Experimentalsystem, dessen Limitationen künstlerisch nutzbar sind. Entsprechend kritisch äußern sich die Künstlerinnen gegenüber den großen, datengetriebenen Large-Language-Modellen: „Man weiß ja gar nicht, womit das Modell gefüttert ist“, betonen sie und unterstreichen damit ihre Haltung gegen die Intransparenz, die im Kontrast zu ihrem eigenen Ansatz steht, bei dem sie die volle Kontrolle über das Trainingsmaterial behalten. Indirekt artikulieren sie so auch eine Skepsis gegenüber der inflationären Nutzung von KI im Alltag. Nicht jede Aufgabe müsse mit KI gelöst werden, entscheidend sei ein dosierter und reflektierter Einsatz. Diese Haltung verbindet sich mit einer Sensibilität für die materiellen und energetischen Kosten der Technologie, die im künstlerischen Diskurs oft ausgeblendet werden. Ihre eigene Nutzung bleibt daher konsequent bedarfsorientiert und durch technische Verfahren transformiert. KI erscheint dabei nicht als Bruch, sondern als Erweiterung der Erzeugung von Klängen.
Gerade dieser sensitive und dosierte Umgang mit Künstlicher Intelligenz in der Erweiterung eines bereits bestehenden Interessengebiets steht geradezu sinnbildlich für eine Praxis, die sich als eine präzise Untersuchung von Klang als epistemischem Medium beschreiben lässt. Orte werden nicht ästhetisch überfrachtet, sondern dezidiert akustisch erfahrbar gemacht und repräsentiert.

Eva Dörr & Lena Meinhardt
Medienkunst
Website: https://evadoerr.de/
Website: https://lenameinhardt.com/
https://www.kunststiftung.de/kurzportrait/lena-meinhardt-eva-doerr.html
Projekt: Konzertinstallation Whereisthe Seed —(2025)
Elektroakustische 8-Kanal-KompositionAfraidto own a body(2023)
Bildrechte © Jochen Detscher