KÜNSTLICHE GEGENWART #3 – Interviewporträt zu Kunst, KI und kreativer Arbeit
„Idee schlägt Output“

Postcards from Pyongyang (2025) © Stephen Obermeier
Stephen Obermeier über KI als Werkzeug, Konzeptarbeit und die Grenzen generativer Bilder
Für den Künstler und Agentur-Mitinhaber Stephen Obermeier ist Künstliche Intelligenz vor allem ein Werkzeug, wirkmächtig, widersprüchlich und in hohem Maße abhängig von der Denkleistung des Menschen, der es einsetzt. „Meine Projekte sind digital, es ist völlig egal, wo du sitzt“, sagt Obermeier über seinen Modus Operandi. Während der Agenturalltag dem Broterwerb dient, entstehen künstlerische Arbeiten ortsunabhängig am Rechner. Diese Dualstruktur prägt seinen Umgang mit KI: Sie ist zugleich Produktionsmittel im kommerziellen Kontext und experimentelles Medium in der Kunst.
Der Einstieg in die KI erfolgte dementsprechend unspektakulär über Arbeitsprozesse der fototechnischen Nachbearbeitung. „Früher hast du Stunden damit verbracht, Staub wegzustempeln. Jetzt drückst du einen Knopf und der ist weg.“ Aus solchen mikrobischen Automatisierungen entwickelte sich ein keimendes Interesse an API-Anbindungen, automatischen Bildbeschreibungen und Content-Pipelines. Für ihn ist der entscheidende Punkt im Arbeitskontext der Zeitgewinn. „Du baust dir in einem halben Tag ein Tool, das dir übers Jahr viele Tage Arbeit spart.“ KI übernimmt für ihn vor allem „Bullshit-Jobs“, also repetitive, ungeliebte Aufgaben, die den kreativen Nukleus nicht tangieren.
Simultan beobachtet er massive Verwerfungen in der Branche; Gebrauchstexte, Stockfotografie und standardisierte Bildproduktion ließen sich heute generativ herstellen. „Bevor ich jemanden 80-mal über eine Headline nachdenken lasse, generiere ich 200 und suche die besten 10 aus.“ Dennoch habe sich die Mitarbeiter:innenzahl in seiner Agentur nicht reduziert, vielmehr verlagere sich die Arbeit in Richtung Konzept, Steuerung und technische Integration.
Obermeier sieht im Einsatz somit eine strukturelle Demokratisierung von Produktionsmitteln: „Jeder kann Musik machen, jeder kann Bilder machen – auch ohne Ahnung von der Materie.“ Das führe jedoch nicht zwangsläufig zu qualitativen Ergebnissen, sondern oft zu einer Überfrachtung mit durchschnittlichen, generischen Inhalten. Wer mit dem ersten Output zufrieden sei, produziere ästhetische Konformität. Seine Zweifel richten sich somit weniger gegen die Technologie als solche, sondern gegen ihre unreflektierte Nutzung. KI liefere keine originären Ideen: „Das ist ein ‚Shit-In & Shit-Out‘-System. Wenn ich eine schlechte Idee reingebe, kommt keine gute raus.“ Inspiration entstehe weiterhin außerhalb des Bildschirms.
Trotz dieser Skepsis bewertet Obermeier den technologischen Umbruch als radikal. Die Modelle ermöglichen ihm Projekte, die zuvor technisch oder finanziell nicht realisierbar gewesen wären. „Früher war das technische Know-how der Hemmschuh. Jetzt ist die Grenze nur noch: Kann ich es mir ausdenken oder nicht?“ Die Kernkompetenz verschiebe sich, so Obermaier, vom bloßen Handwerk zur Konzeptionsfähigkeit und zur präzisen Formulierung.
Sein in diesem Zusammenhang umfangreichstes Projekt Postcards from Pyongyang ist eine fiktive, KI-gestützte Welt rund um Nordkorea. Ausgangspunkt waren generierte Postkartenbilder mit kurzen Botschaften. Daraus entwickelte sich ein System aus Interferenzen, fiktionalen Biografien und sozialen Relationen, ergänzt durch Landkarten, Zeitlinien und Heatmaps. Mittels interaktiver E-Mail- und Chat-Kommunikation der Figuren mit den Rezipient:innen und eines kollektiven, konsistenten Gedächtnisses entsteht ein hyperkomplexes, referenzielles Gefüge: „Ich habe gemerkt, dass ich das im Kopf nicht mehr zusammenhalten kann, also habe ich der Webseite ein eigenes Gedächtnis gebaut.“ Die KI fungiert hier demnach auch als Gewährleister für Konsistenz, Skalierung und die Simulation sozialer Netze. Die Wahl Nordkoreas begründet er pragmatisch: „Da kann dir keiner sagen, was stimmt und was nicht, ein perfekter Playground für Projektionen.“ Entscheidend bleibe jedoch immer die materielle Rückübersetzung: gedruckte Karten, räumliche Installationen, physische Repräsentationen. „Das Wertvolle ist nicht das Bild, das die Maschine ausspuckt, sondern das, was du danach greifen kannst.“
In einem weiteren Projekt, AI-Deathmatch, lässt Obermeier unterschiedliche Large-Language-Modelle in Debatten gegeneinander antreten. Die Systeme generieren selbstständig Avatare, werden nach Kriterien bewertet und rotieren in einer „Liga der Rhetorik“. Der Künstler greift nur noch auf der Regel- und Infrastruktur-Ebene ein. Dabei fokussiert er weniger das einzelne Ergebnis als vielmehr den autonomen Prozess und die generierten Datensätze. Langfristig will er daraus analytische Rückschlüsse über argumentative oder ideologische Tendenzen verschiedener Modelle ziehen.

Besondere Faszination entstehe für ihn aber gleichzeitig auch durch Imperfektion, also mediales Scheitern. Frühe Bildgeneratoren mit „98 Fingern“ waren für ihn bisweilen produktiver als heutige, vermeintlich fehlerfreie Systeme. Auch in Sprachmodellen sucht er gezielt nach kritischen Grenzen, an denen Systeme inkonsistent werden oder ihre implizite Regelhaftigkeit offenbaren: „Spannend wird es, wenn die Dinger kaputtgehen.“
Obermeier trennt klar zwischen generiertem Einzelbild und künstlerischem Werk. Kunst entsteht für ihn erst durch Konzept, Kontextualisierung und physische Übersetzung. KI-Bilder per se „haben keine Seele“, vergleichbar mit einem handwerklich perfekten, aber beziehungslosen Porträt. Seine Position ist damit weder technophob noch euphorisch. KI fungiert als mächtiger Werkzeugkasten: „Wie wenn dir plötzlich der ganze Baumarkt gehört!“ Entscheidend bleibt, wer ihn nutzt, mit welcher Idee und mit welchem Ziel.

Stephen Obermeier
Fotograf, AI-Artist,
Website: https://ikarus-institute.io/
Projekt: Postcards from Pyongyang
Aktuelles Projekt: Das einzig wahre AI Deathmatch – KI Systeme im tödlichen Wortgefecht
Bildrechte © Stephen Obermeier