KÜNSTLICHE GEGENWART #1 – Interviewporträt zu Kunst, KI und kreativer Arbeit
„Zwischen Befreiung und Enteignung“

The Photographer (2024) und The Photo Model (2024) aus der Reihe Museum of Dead Professions © Monica Menez
Wie Monica Menez die kreative Arbeit im
KI-Zeitalter neu verhandelt
Die gegenwärtige Transformation kreativer Produktionspraktiken lässt sich exemplarisch an der kreativen Karriere von Monica Menez nachzeichnen, die ihre eigene Position mit einer auffälligen Ambivalenz beschreibt: „Ich bin fasziniert und angewidert zugleich.“ Diese doppelte Haltung ist kein rhetorischer Effekt, sondern Ausdruck einer realen strukturellen Spannung, die sich durch ihr gesamtes Sprechen über Künstliche Intelligenz zieht. Einerseits eröffne die Technologie neue Räume künstlerischer Autonomie, andererseits basiere sie auf einem Prozess, den sie unmissverständlich als Enteignung begreift: „Wenn ich 15 Jahre brauche, um einen eigenen Stil zu entwickeln, und das wird alles gefressen, dann ist das der größte Diebstahl der Weltgeschichte.“
Dementsprechend ist Menez’ Zugang zur KI auch nicht von Beginn an affirmativ: Erste Experimente mit Bildgenerierung beschreibt sie zwar als ästhetisch interessant, aber operativ unzureichend: „Das Ergebnis war cool, aber ich konnte das Ding nicht steuern.“ Solange die Technologie als kontingente Black Box erschien, blieb sie für ihre Praxis irrelevant. Entscheidend war erst der Moment, in dem sich Kontrolle und Reproduzierbarkeit einstellten: „Ich habe überlegt: Kann ich meinen fotografischen Stil eins zu eins übersetzen?“ Der Weg dorthin war jedoch keineswegs trivial. Sie spricht von „ungefähr 500 Stunden“, die notwendig waren, um die Systeme so zu beherrschen, dass sie den eigenen ästhetischen Ansprüchen genügen. Erst dann erfuhr sie den qualitativen Umschlag: „Ich schaff’s, ich krieg alles hin, was ich mir vorstelle! Das war ein Befreiungsmoment.“
Diese Befreiung ist vor allem eine von materiellen und institutionellen Restriktionen. Rückblickend beschreibt Menez die klassische Fotoproduktion als ein System permanenter Einschränkungen: fehlende Budgets, nicht verfügbare Models, unerreichbare Locations. „Ich habe immer freie Projekte gemacht und sie selber finanziert. Ich habe da locker eine Eigentumswohnung in Stuttgart investiert.“ Der Einsatz von KI erscheint vor diesem Hintergrund als demokratische Entkopplung von diesen Bedingungen: „Jetzt kann ich theoretisch alles machen. Ich muss niemanden mehr fragen.“ Diese neu gewonnene Autonomie führe jedoch nicht unmittelbar zu einer Expansion kreativer Praxis. Im Gegenteil: „Mein kreatives Denken hat sich noch gar nicht umgestellt.“ Die zuvor internalisierten Begrenzungen wirken fort und erzeugen kognitiven Nachlauf gegenüber den neuen Bedingungen.
Zugleich verschiebt und relativiert sich mit der KI das Verhältnis von Idee und Ausführung und eröffnet neue Differenzierungslogiken innerhalb des Feldes. Systeme operieren als Aggregatoren vorhandener Bildsprachen und produzieren eine ästhetische Verdichtung des bereits Bekannten. Während die technische Realisierung zunehmend trivialisiert wird, bleibt die Entwicklung tragfähiger Konzepte ein Engpass und was technisch leicht reproduzierbar ist, verliert seinen Distinktionswert. Menez formuliert dies pointiert: „Das, was aus der KI rausspringt, ist eigentlich Stock.“ Sie vermutet, dass sich der Markt in zwei Segmente aufspaltet: Eine breite Masse standardisierter, generierter Bilder und ein kleiner Bereich exklusiver, aufwendig produzierter Arbeiten. „Wenn du was Exklusives willst, braucht es doch wieder das Echte oder ein besseres Konzept.“ So bleibe die „brillant Idee“ eine knappe Ressource die Verbreitung von KI führe nicht zur Entwertung von Kreativität, sondern zu ihrer Relativierung gegenüber einer massenhaften Produktion von Mittelmaß.

Diese Diagnose verbindet sich mit einer scharfen Kritik an der gegenwärtigen visuellen Kultur, insbesondere im Bereich der Modefotografie. Menez betont, dass die Krise dieses Feldes nicht erst mit neuerlichen Entwicklungen beginnt: „Für mich ist die Modefotografie schon viel früher gestorben.“ Bereits mit der Digitalisierung und der Logik sozialer Medien sei eine Verlagerung hin zu standardisierter Content-Produktion erfolgt. „Es ging nur noch darum: Mach noch dies, noch ein Making-Of, mach alle Formate.“ Kreative Konzepte seien zusehends durch funktionale Prozesse ersetzt worden. Vor diesem Hintergrund erscheine das Phänomen weniger als Bruch denn als Beschleuniger eines bereits laufenden Prozesses.
Die Konsequenzen dessen beschreibt Menez drastisch: „Ich würde schätzen, dass in Zukunft 90% KI-generiert wird.“ Damit verbunden sei eine massive Transformation der Arbeitsstrukturen: „70% der Fotograf:innen werden ihre Jobs verlieren.“ Diese Prognosen bezögen sich nicht nur auf einzelne Berufsgruppen, sondern auf ganze Produktionsketten von Models über Stylist:innen bis hin zu technischen Assistenzen. Die persönliche Dimension dieses Umbruchs wird von Menez eindringlich formuliert: „Das war, wie wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird.“ Die Aussicht, dass ein über Jahrzehnte aufgebauter beruflicher Werdegang plötzlich obsolet wird, beschreibt sie als existenzielle Erschütterung, die „eigentlich psychologische Hilfe“ erforderlich mache.
Diese Verschiebung spiegelt sich auch in ihrer eigenen Praxis wider. Anstatt bestehende visuelle Stile zu reproduzieren, sucht sie nurmehr gezielt nach Formen der Irritation und Überschreitung. „Ich werde nie wieder in diesem Retro-Look arbeiten, das kann die KI sowieso. Ich möchte Sachen machen, die ich vorher nicht machen konnte.“ Dies äußert sich in bewusst absurden oder humorvollen Szenarien, etwa wenn „Ratten auf dem Model“ erscheinen. Es entstünden Bilder, die weniger durch formale Perfektion als durch konzeptuelle Verschiebung wirken. Gleichzeitig betont sie, dass auch diese Arbeiten keineswegs trivial zu erzeugen sind: „Das ist nicht so, dass ich einen Prompt mache und dann kommt das raus.“ Vielmehr handele es sich weiterhin um komplexe, zeitintensive Prozesse.
Die zentrale Spannung bleibt jedoch bestehen. Die geronnene Autonomie basiert auf einer Technologie, die kollektive kreative Arbeit in sich aufnimmt und verfügbar macht. Diese Gleichzeitigkeit von individueller Befähigung und struktureller Enteignung ist es, die Menez’ Position prägt. Ihre Diagnose beschreibt ein Feld, in dem sich die Parameter kreativer Produktion grundlegend verschieben: „Du hast jetzt etwas ganz Neues und kannst daraus ein anderes Neues entwickeln.“ Ob dieses Potenzial eingelöst wird, bleibt offen. Sicher ist nur, dass sich die Bedingungen, unter denen künstlerische Praxis stattfindet, irreversibel verändert haben.
Interview und Text: Kathrin Aschmann, M.A. und Moritz

Monica Menez
Künstlerin / Fotografin
Website: www.monicamenez.de
Projekt: SPECIMENS OF CREATIVITY – The Museum of Dead Professions
https://pulsmacher.de/case/specimens-of-creativity-the-museum-of-dead-professions
Bildrechte © Monica Menez