Ein Kunstprojekt von Jens Sundheim mit Bernhard Reuß an der Schnittstelle von digitalem und physischem Raum
Ein Essay von Winfried Stürzl
Fotografie, sicher – aber nicht unbedingt das, was man unmittelbar mit dem Begriff verbindet. So könnte man das Konzept des Stuttgarter Projektraums GALERIE AK2 umschreiben, wenn es darum geht, einen Ausstellungsbeitrag zu dem alle zwei Jahre in einer Reihe von Kunstinstitutionen stattfindenden Festival Fotosommer Stuttgart zu bestimmen.
2024 fiel die Wahl auf Jens Sundheim.[1] Wenn man die Website des Dortmunders besucht[2], könnte man denken, das ist doch ein Fotograf, wie er im Buche steht: Da finden sich Architekturfotografie-Serien wie Raumstation Ruhr oder eine fortlaufende Reihe zur Erforschung der Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt (Titel: Ecotone) – durchkomponierte Bilder, die unser Auge mit ihren spannenden Strukturen, weiten Landschaften und Himmeln sowie einer besonderen Lichtregie fesseln und bestimmte Themenfelder visuell untersuchen. Studiert hat Sundheim – so kann man in der Vita nachlesen – zudem an renommierten Fotografie-Institutionen wie der Fachhochschule Dortmund, der Meisterklasse bei Arno Fischer an der Berliner Ostkreuzschule sowie an der HAW Hamburg.
Scrollt man ganz nach unten, stößt man allerdings auf einige Kacheln, die sich durch ihre visuelle Ästhetik von den anderen Fotografien auf der Website unterscheiden. Besonders ein Bild fällt auf: Es zeigt das etwas unscharfe, diffuse Foto einer nächtlichen Straßensituation – offenbar die Lei Yue Mun Road, wie eine gepixelte weiße Schrift auf einem schwarzen Streifen verrät. Klickt man auf das Bild, wird aus dem Quadrat ein Querformat und man kann die ganze Zeile lesen: Das Foto wurde am 10.10.2018 um 18:58:59 Uhr aufgenommen. Die Bildunterschrift ergänzt: Es war in Hongkong.
Wie die Headline verrät, gehört das Bild zu einer Serie namens The Traveller (die Texte der Website sind durchweg auf Englisch). Tatsächlich finden sich hier Fotografien von ganz unterschiedlichen Orten in verschiedenen Ländern: der Broadway in New York, ein Reiterhof in der Camargue oder die Düsseldorfer Landstraße in Duisburg. Auch Innenräume kommen vor – so spektakuläre wie das European Space Operations Centre der ESA in Darmstadt oder so alltägliche wie der Kassenbereich eines Fitnessstudios in Moskau.
Mit den eingangs angesprochenen Fotoserien haben diese Aufnahmen nur wenig gemein. Die pixelige Struktur und die eingeblendeten Digitalschriften geben schon beim ersten Blick Hinweise darauf, um welche Art von Bildern es sich hier handelt – und die Annahme wird durch die zufällig wirkenden, oft panoramaartigen Ausschnitte sowie die teils ungewöhnlichen Perspektiven unterstützt: Die Fotografien stammen von öffentlich zugänglichen Webcams.
Doch etwas ist anders – auch wenn man es vielleicht nicht sofort bemerkt: Auf den Aufnahmen ist immer wieder die gleiche Person zu sehen: ein Mann mit weißem T-Shirt, dunkler Jacke, dunkler Hose und einer Tasche, deren Gurt quer über die Brust verläuft. Etwas breitbeinig steht er da, die Hände in den Hosentaschen, und blickt uns als Betrachtende direkt an.
Webcams
„Ich war gerade in Las Vegas, um meine Diplomarbeit zu fotografieren“[3], erinnert sich Jens Sundheim an die Anfänge. Auf der Suche nach neuen fotografischen Ansätzen, war er mit seinem Kommilitonen Bernhard Reuß und dessen Künstlerkollegen Sascha Büttner zuvor auf die Webcams im Internet gestoßen. Und sie hatten die Idee, diese „universelle Fotografiermaschine“[4], die „permanent Ansichten aus allen möglichen Winkeln der Welt“[5] liefert, für ein Projekt zu nutzen. Reuß fand eine im Netz zugängliche Webcam vor dem MGM Hotel in Las Vegas und informierte seinen schon in der Stadt befindlichen Studienfreund per E-Mail. Sundheim antwortete ihm und gab die genaue Uhrzeit seiner Präsenz vor Ort durch. Eine unmittelbare Rückmeldung per Mobiltelefon war den jungen Fotografen damals noch nicht möglich. Daher verließ Sundheim seine Position nach einer gewissen Zeit, ohne zu wissen, ob die Interaktion stattgefunden hatte. „Es war dann ganz knapp, dass das überhaupt geklappt hat“, erinnert er sich. Denn Reuß hatte sich etwas verspätet uns seinen Rechner erst eingeschaltet, als Sundheim schon vor dem Hotel stand.[6] Das Webcam-JPEG wurde gerade noch rechtzeitig abgespeichert – und von Bernhard Reuß am 8. August 2001 um 21:19 Uhr gepostet.[7] Das erste Bild des Reisenden war in der Welt – und von überall aus im Internet abrufbar.
Nur zwei Wochen später reiste Sundheim dann nach Edinburgh, wo nach demselben Prinzip ein zweites Bild gemacht wurde, „so dass die Rollen dann sehr schnell verteilt waren“, wie sich der Künstler erinnert: „Ich bin der Reisende und Bernhard – und am Anfang auch Sascha – sind diejenigen, die zu Hause sind und die Bilder machen.“[8]
Das Medium Webcam war zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise jung. Erst acht Jahre zuvor, war die Coffee Pot Cam im Computerraum der University of Cambridge in England online gegangen. Die Forscher:innen ließen ihre Kaffeemaschine von einer Kamera überwachen, um den Füllstand live auf ihre Bildschirme zu übertragen. 1991 eingerichtet und noch über das interne Netzwerk geteilt, gingen die Bilder der Kamera ab 1993 ins World Wide Web und wurden von Millionen Menschen weltweit abgerufen.[9]
Mitte der 1990er-Jahre waren Webcams, die Aufnahmen automatisiert ins Netz übertrugen, dann auch für private Verbraucher bezahlbar, und es entstand ein regelrechter Hype. „In der Cam Era beteiligen sich immer mehr Privatpersonen an der Nutzung und Produktion von Überwachungsbildern“, schreibt Thomas Hermann über das Phänomen – und stellt klar: „Sie tun dies aber nicht nur aus Gründen der Sicherheit […], sondern häufig auch zur Unterhaltung, zum Vergnügen und zu Informationszwecken. Die Lust am Sehen und Zeigen, die Neugier sowie die Freude am technisch Machbaren sind Antrieb für Überwachungskulturen, in denen es vielfach um einen Austausch unverfänglicher Informationen geht.“[10]
Ähnlich spielerisch, so sieht es Sundheim heute im Rückblick, begannen auch seine Partner und er ihre Arbeit an Der Reisende. Die zunehmende Zahl öffentlich zugänglicher Webcams und der quasi exponentiell steigende Ausstoß neuer Bilder gab dem Wunsch, mit dem Projekt weiterzumachen, immer wieder neuen Schub – bis heute: Aus den ursprünglich geplanten fünf Jahren sind mittlerweile 25 geworden.[11] Und ein Blick in den nach wie vor wachsenden Blog zu Der Reisende[12] offenbart die Dimension, die das Projekt angenommen hat: Sortiert nach „Locations“, „Months“, und „Countries“ finden sich im Archiv aktuell rund 900 Bilder aus 25 Ländern.
Bildästhetik
Was diese Bilder unter anderem auszeichnet, ist ihr etwas unscharfes Rauschen. Sundheim fasst es wie folgt zusammen: „Damals ging das natürlich technisch nicht anders. Heute spricht man von Live-Feeds und so weiter, damals waren das einfach JPEGs. Es gab Kameras, die haben nur alle zwei Stunden ein Bild gemacht. Diese Bilder wurden dann durchs Internet geschickt – und das war langsam. Deswegen waren sie zum einen von der Auflösung her klein – 320 x 240 Pixel war so ein Klassiker – und dann wurden sie zusätzlich noch stark komprimiert, damit das auch irgendwie funktioniert. Und das gibt dem Ganzen eben so etwas Verrauschtes – und wie ich finde: Malerisches und Entrücktes.“[13]
Es ist diese besondere, fast malerische Qualität, die Sundheim an den Webcam-Bildern fasziniert. Dass auch die meisten jüngeren Bilder in dem Blog Der Reisende an die frühe Webcam-Ästhetik anknüpfen, obwohl es heute technisch möglich wäre, jede nur erdenkliche Auflösung zu nutzen, verdanke sein Projekt dem Datenschutz: Aufgrund einer gereiften Sensibilität im Umgang mit öffentlich zugänglichen Bildern von Personen „werden viele Webcams heute künstlich kleingerechnet.“[14]
Doch ist es nicht nur die besondere visuelle Qualität, die Sundheim an den Webcam-Bildern reizt, vielmehr ist es eine ganze Reihe fotografischer Aspekte: Der „entscheidende Augenblick“ eines Henri Cartier-Bresson etwa werde ebenso ausgehebelt wie das tradierte künstlerische Denken über Komposition im Sinne von Ausschnitt, Belichtungszeit, Tiefenschärfe, Beleuchtung, Abstand oder Hintergrund. Sundheim könne bei der Arbeit mit den Webcams nur kontrollieren, wo er sich positioniere – und zuweilen auch wann. Alles andere – beispielsweise, was und wen man neben ihm sonst noch auf dem Bild sehe – sei wenig steuerbar.[15]
Damit unterläuft Sundheim übliche fotografische Verfahren, die ja eigentlich zu dem führen sollen, was man gemeinhin ein „gutes Bild“ nennt – und spielt zugleich mit dem Mythos der Objektivität der Fotografie. Denn auch wenn klar ist, dass es eine solche nie geben kann[16], verweist Thomas Hermann auf die besondere Glaubwürdigkeit, die man gerade automatisch generierten Überwachungsbildern gerne zuspricht – und führt drei Gründe dafür an: „Erstens entstehen sie im Augenblick der Aufnahme ohne menschliches Zutun scheinbar frei von Subjektivität, zweitens weisen sie oft formale Defizite auf, und drittens spielt das Zufällige oder Unvorhersehbare eine wichtige Rolle.“[17]
Besonders der zweite Punkte trifft – wie oben dargelegt – in vollem Maß auch auf Sundheims Bilder aus dem Projekt Der Reisende zu. Wolfgang Ullrichs Untersuchungen an vielen Beispielen aus Malerei und Fotografie unterstützen Hermanns These und Ullrich kommt zu dem Schluss: „Nur ein diffuses, vielleicht sogar bis zur Unkenntlichkeit verwischtes Bild besitzt die Aura des Authentischen, und gerade Unschärfe fungiert im Zeitalter des fotografischen Bilds als Echtheitssiegel.“[18] Die Unschärfe hat also einen bedeutenden Anteil daran, dass wir Sundheims Webcam-Bilder als glaubwürdig oder „echt“ empfinden.
Was die beiden anderen von Hermann aufgeführten Gründe anbelangt, liegt die Sache bei Sundheim weniger eindeutig: Zwar übt der Zufall im Sinne von Hermanns drittem Kriterium auch hier einen starken Einfluss auf die Bildgestaltung aus und die üblichen fotografischen Kompositionskriterien fallen weitgehend weg.
Allerdings werden der genaue Standort der Figur des Reisenden (wenn auch nur innerhalb des von der Kamera vorgegebenen Ausschnitts) sowie der Zeitpunkt der Aufnahme geplant. Zudem bedarf es einer Person, die am Rechner die Webcam aufruft und das JPEG beziehungsweise den Screenshot speichert.[19] Der Prozess der Aufnahme ist also – anders als Hermann es in seinem ersten Kriterium beschreibt – nicht frei von menschlicher Steuerung.
Allerdings macht Hermann mit der Einschränkung „scheinbar“ deutlich, dass auch die regulären Bilder einer Webcam nicht objektiv sein können. Schließlich muss eine automatisch Aufnahmen generierende Kamera zunächst einmal von Menschen eingerichtet werden. Zudem werden auch Webcam-Bilder beim Betrachten durch kulturelle Codes und subjektive Erfahrungen bestimmt. Dennoch weckt der scheinbar aufs Maschinelle reduzierte Prozess der Bildgenerierung Vertrauen – und spielt auch in die Rezeption der Bilder von Jens Sundheim hinein: Die gut wiedererkennbare Figur, die an unterschiedlichen Orten unerwartet in Erscheinung tritt, wirkt authentisch. Sie scheint real zu existieren. Erst wenn wir mehrere Bilder der Serie hinter- oder nebeneinandersehen, wird – dank des wiederkehrenden Dresscodes und der stets gleichen Haltung der Figur – klar, dass es sich um ein Konstrukt handelt.
Ein weiterer ästhetischer Aspekt zeichnet besonders jüngere Webcam-Bilder aus. Aus Datenschutzgründen werden häufig unscharfe Flächen – meist in Form großer Pixel – über Bereiche gelegt, die normalerweise Menschen zeigen würden. Auch diese Elemente macht sich Sundheim gestalterisch zunutze. So etwa in einem jüngeren Bild des Hafens von Juist, wo der Reisende von entsprechenden Flächen oberhalb und rechts wie eingefasst wird.[20] Die genaue Positionierung des Reisenden am Rand dieses von verschiedenen Grautönen bestimmten Bereichs, lässt nicht nur an ein – wieder fast malerisch motiviertes – Spiel mit abstrakten Bildelementen denken, das Untergraben der eigentlichen Funktion der Pixel, hat auch einen leicht subversiven Charakter – fast, als würde die Figur mit frechem Blick in die Kamera sagen: „Ausgetrickst!“ Thomas Hermann sieht in den Bildern des Künstlers daher ganz grundsätzlich auch „etwas Schalkhaft-Spielerisches“[21].
Interventionen
Das Bild aus Juist macht aber auch noch etwas anderes deutlich: Das Projekt Der Reisende beschränkt sich nicht allein auf fotografische Aspekte – es hat auch eine performative Seite, die gut vorbereitet werden will: Um seine Bilder zu erzeugen, muss Jens Sundheim in seiner Rolle als Der Reisende Orte aufsuchen, die von einer öffentlich zugänglichen Webcam erfasst werden. Im öffentlichen Raum dienen sie häufig der Verkehrs- und Wetterüberwachung oder der Bewerbung touristischer Ziele. Private Webcams wiederum sind oft zu Schutz-, Informations- und Unterhaltungszwecken installiert – und waren in den Anfängen nicht selten dem Wunsch geschuldet, Teil einer als zeitgeistig empfundenen, global ausgerichteten digitalen Welt zu sein. So finden sich Webcams bis heute auch in Schaufenstern, Büros, Agenturen, Eigenheimen, Gärten oder Hinterhöfen.
Der Realisierung einer Aufnahme für das Projekt Der Reisende geht stets eine Recherchearbeit voraus. Als es noch keine komplexen Suchmaschinen oder Online-Navigationssysteme gab, war dies ein teils recht aufwändiger Prozess. Ist der Ort definiert und schließlich auch gefunden, geht es darum, den Reisenden zu positionieren. In der Natur oder auf weiten Plätzen muss das nicht weiter auffallen. Sind hingegen Unbeteiligte anwesend, kommt es immer wieder auch zu Ratlosigkeit oder Unverständnis: Wo genau schaut der Mensch mit seiner dunklen Jacke und der Tasche hin? Warum bleibt er in seiner leicht breitbeinigen Haltung unbewegt stehen? Und was macht er gerade hier, wo doch gar nichts Besonderes zu sehen ist?
Das Sich-in-den-Raum-Stellen, ohne dass ein praktischer Grund ersichtlich wird, erinnert an performative Interventionen, wie man sie beispielsweise von der Künstlerin Nana Hülsewig kennt – etwa, wenn sie scheinbar telefonierend, in ein Business-Kostüm gekleidet, ohne mit der Wimper zu zucken ihren Weg durch den sogenannten „Eckensee“ vor der Stuttgarter Oper nimmt.[22] Die nicht angekündigte Handlung im öffentlichen Raum kann Unbeteiligte aufgrund ihrer Absurdität für einen Moment zum Innehalten und Schmunzeln anregen – aber auch zum Nachdenken über den Sinn und Unsinn von Handlungen oder gesellschaftlichen Konventionen. In ähnlicher Weise können auch Sundheims Eingriffe in den öffentlichen Raum irritieren.
Meistens werde er bei seinen Interventionen nicht angesprochen, berichtet Sundheim. Wenn doch, könne das sehr unterschiedlichen Charakter haben – insbesondere, wenn halböffentliche oder gar private Bereiche betroffen sind. Vom erbosten „Was machen Sie denn da?“ bis zur interessierten Erkundigung über das Projekt sei alles möglich. Bis dahin, dass der Hessische Rundfunk Sundheim einmal wegen eines Features kontaktiert hatte. Da auch der WDR aufsprang, wurde in Herne gedreht. Der Hausbesitzer, vor dessen Webcam sich Sundheim dafür positioniert hatte, gab bereitwillig ein spontanes Interview und äußerte sich in dem HR-WDR-Doppelfeature begeistert über das Projekt.[23]
Natürlich kann die Situation aber auch kippen – etwa, wenn der Verdacht entsteht, die nicht einzuordnende Präsenz der vor einer Webcam positionierten Person könnte politisch oder gar terroristisch motiviert sein. So geschehen, als Sundheim sich 2002, kurz vor dem Jahrestag der Anschläge auf die Twin Towers, in New York aufhielt. Er stand gerade auf einer kleinen Mauer an einer Fußgängerbrücke, um sich von einer Verkehrsüberwachungskamera aufnehmen zu lassen, als sich ihm von zwei Seiten Sanitäter und die Polizei näherten. Während erstere beruhigt abzogen, weil es sich offensichtlich nicht um einen Suizidversucht handelte, gaben sich die Polizisten mit den vorgebrachten Erklärungen nicht zufrieden. Sundheim wurde in Gewahrsam genommen und von FBI-Agenten verhört. Details wie eine bei ihm gefundene Notiz auf einer ausrangierten Bibliotheks-Karteikarte mit dem Buchtitel-Aufdruck The Next Accident trugen nicht zur Beruhigung der Staatsbeamten bei. Dennoch ließ man Sundheim nach einigen Stunden wieder frei.
Dass die New Yorker Verkehrsüberwachungskameras damals öffentlich zugänglich waren, erstaunt aus heutiger Sicht. Überwachungsstrategien, bei denen auch Fragen nach Gesichtserkennung, Datenspeicherung und Vernetzung eine wichtige Rolle spielen, haben sich seither massiv verändert. Wenn es um reguläre Überwachungskameras und deren Nutzung durch Polizei oder Militär geht, haben wir es aber auch nicht mit öffentlich zugänglichen Webcams zu tun, vielmehr befinden wir uns im Bereich geschlossener Videosysteme. Dennoch ist die Nutzungsgrenze zwischen beiden Technologien fließend, wie der New Yorker Vorfall zeigt.
Rückblickend beschreibt Sundheim, wie sich auch seine eigene Wahrnehmung in Bezug auf den Überwachungsaspekt von Webcams im Laufe der Zeit verändert hat: „Am Anfang stand für mich eher der skurrile Aspekt im Vordergrund. Heute ist das Bewusstsein dafür bei mir gereift und ich sehe den Überwachungsaspekt auch da, wo ich ihn vielleicht früher eher als Spielerei abgetan hätte.“[24] Das von Sundheim mittlerweile 25 Jahre lang gepflegte „Zurückschauen“[25] in die ihn fotografierende oder filmende Kamera ließe sich daher auch als ein „Entgegenstellen“ interpretieren – als kritischen Verweis auf die Gefahren eines suppressiven Überwachungssystems, das sich von der harmlos erscheinenden Idee der Webcam nie vollständig trennen lässt.

Selbstvergewisserung
Thomas Hermann sieht noch einen weiteren Aspekt in Sundheims Webcam-Bildern: „Die Lust am Finden und Teilen des eigenen Bildnisses im unendlichen Strom automatisch generierter Bilder schwingt hier mit. Sundheims Webcam-Selfies erinnern an die mit ‚ich‘ oder ‚me‘ beschrifteten Fotos, die in Peter J. Cohens Sammlung von analogen Privat- und Schnappschussfotografien eine eigene Kategorie bilden und ein Beleg für diese Form von Selbstvergewisserung sind.“[26]
Tatsächlich liegt der Verweis auf Schnappschuss-Selbstporträts nahe. Doch handelt es sich tatsächlich um „Webcam-Selfies“, wie Hermann sie bezeichnet? Gewiss: Auch hier könnte man an Verfahren der Inszenierung im medialen Raum sprechen, wie Wolfgang Ullrich sie in seinem Buch Selfies untersucht. Und wie dort geht es auch bei Sundheim darum, in eine Rolle zu schlüpfen: die des Reisenden. Doch lassen sich die technischen Möglichkeiten der sich stetig weiterentwickelnden Selfie-Kultur bei weitem nicht mit denen der Webcam vergleichen. Was bei Sundheim außerdem vollständig fehlt, ist so etwas wie eine „expressive Gesichtskultur“[27], von der Ullrich spricht – nicht nur aufgrund mangelnder virtueller Filter, sondern auch, weil in den meisten Fällen die Gesichtszüge des Reisenden aufgrund der weiten Entfernung zur Kamera und der schlechten Auflösung kaum oder gar nicht zu erkennen sind.
Zuweilen sind sie es aber. So etwa bei einer 2003 entstandenen Aufnahme, die Sundheim neben dem eingangs erwähnten Trojan Room coffee pot der Cambridge University zeigt.[28] Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte das Gerät 2001 bei einer Versteigerung erworben, reparieren lassen und in der Spiegel Online-Redaktion aufgestellt.[29] Indem sich Sundheim mit der Kaffeemaschine zeigt, verortet er sich nicht nur in einem definierten urbanen Raum (im offenen Fenster ist der Hamburger „Michel“ zu sehen), er verschränkt sein individuelles Projekt zugleich mit der Geschichte der Webcam ganz allgemein.
In Gestalt des ikonischen coffee pot wird sie selbst zum integralen Bestandteil eines Bildes der Reisenden-Serie, das wiederum von einer Webcam aufgenommen wurde (und darüber hinaus eine zweite Webcam zeigt, die den Füllstand der Kaffeekanne überwacht) – eine Art Mise en abyme. Und eine Selbstvergewisserung, wenn man so will, die die enge Verbindung von Webcam-Geschichte und Kunstprojekt jederzeit im Internet abrufbar macht.
Verschränkung
Wo aber findet die Kunst Sundheims nun genau statt? In den Bildern der Serie Der Reisende? Oder in den entsprechenden Interventionen im öffentlichen, halböffentlichen oder privaten Raum? Wie wir gesehen haben, ist das eine ohne das andere nicht zu denken. In Sundheims Projekt sind physischer und digitaler Raum untrennbar miteinander verschränkt. Die Orte, an denen er agiert, werden erst durch die Webcams – und damit durch eine digitale Realität – definiert. Und seine Interventionen werden zwar im physischen Raum umgesetzt, sind aber für eine breite Öffentlichkeit nur über den digitalen Raum des Internets zugänglich, wo sie als Bilder auch erst ihre eigene Ästhetik und ihre teils subversive Kraft entfalten.
Für ihre Präsentation nutzt Sundheim neben dem Netz aber auch klassische Möglichkeiten. Seine Ausstellungen in Kunstinstitutionen binden das Projekt nicht nur in den Kunstdiskurs ein, sie machen es – je nach Ausstellung – auch in unterschiedlicher Weise erfahrbar. Die Spannbreite reicht von an den Wänden aufgehängten Prints (die den Aspekt des fotografischen Bildes in den Vordergrund rücken – und die Sundheim anfangs bevorzugte), über Präsentationen auf Monitoren (die das digitale Bild betonen und die Darstellung einer Vielzahl von Bildern ermöglichen) bis hin zum Zugriff auf den Blog über einen bereitgestellten Rechner (was den Aspekt des Archivs und – durch die schiere Menge der gezeigten Interventionen – den performativen Charakter des Projekts unterstreicht).[30]
In der eingangs erwähnten Ausstellung in der GALERIE AK2 boten sich ein Raum für ausgewählte Prints, ein zweiter für eine mediengestützte Präsentation an: Die Bilder wurden hier auf alten Röhrenmonitoren gezeigt, was nicht nur der „malerischen“ Qualität der Aufnahmen entgegenkam, sondern zugleich eine Retro-Atmosphäre erzeugte, die die Webcam-Technik in ihrer Entstehungszeit verortete. Der Ausdruck einer langen Liste mit allen Orten, an denen Aufnahmen des Reisenden bis dato entstanden waren, rundete die Schau ab. So ließ sich das Projekt in seiner ganzen Breite erfassen – in einer Nische ergänzt um ein aktuelles Kaffeemaschinenmodell, dessen Kapselvorrat von einer alten Schwarz-Weiß-Webcam überwacht wurde; jedoch nicht über das Internet, sondern wie einst in Cambridge in Form eines ausschließlich intern übertragenen Systems. Hier schloss sich also der Kreis und der physische Raum der (damaligen) Gegenwart verschränkte sich mit den digitalen Sehweisen der frühen Cam Era.
Über Winfried Stürzl:
Winfried Stürzl ist freier Kunstvermittler, Kurator, Autor und Lektor sowie Dozent für Kunstwissenschaften an der Freien Kunstakademie Nürtingen. Er studierte Kunstgeschichte und Romanistik an der Universität Tübingen und war 1993/94 in Dijon (Frankreich) als Lehrender tätig. 1999/2000 arbeitete er an Ausstellungen im Museum Ludwig in Köln, im Kölnischen Kunstverein sowie in der Museumspädagogik an der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe mit. Von 2000 bis 2006 war er Lektor und Projektmanager bei Arnoldsche Art Publishers. Als Autor und Kurator interessiert er sich insbesondere für Kunst im öffentlichen Raum, ephemere Kunst und interdisziplinäre Projekte.
[1] Vgl. Jens Sundheim | Bernhard Reuß: Der Reisende, 18.07.–02.08.2024, GALERIE AK2, Stuttgart, https://galerie-ak2.de/2024/06/21/jens-sundheim-bernhard-reuss-der-reisende-2024/ (abgerufen am 29.12.2025).
[2] Vgl. https://jens-sundheim.de/ (abgerufen am 16.12.2025).
[3] Jens Sundheim in einem Gespräch mit Winfried Stürzl, 04.11.2025.
[4] Jens Sundheim in einem Radiofeature von Andreas Langen, SWR Kultur, 2024, zit. nach http://der-reisende.org/media/der-reisende-ein-kunstprojekt-ueber-sicherheits-webcams-in-der-welt.mp3 (abgerufen am 17.12.2025).
[5] Andreas Langen, ebd.
[6] Wie Anm. 3.
[7] Vgl. http://www.der-reisende.org/logbuch/archives/2001_08.html (abgerufen am 17.12.2025). Dass Sundheim hier noch nicht die dunkle Jacke und Hose trägt, liegt darin begründet, dass sich der Dresscode erst im Laufe des Projekts festigte.
[8] Wie Anm. 3.
[9] Thomas Hermann, Überwachungsbilder. Kontrolle und Zufall in der Cam Era, Berlin 2022, S. 26–27.
[10] Ebd., S. 26. Hermann spricht in Bezug auf Webcam-Fotos grundsätzlich von „Überwachungsbildern“ und unterscheidet entsprechende Nutzungen durch Begriffe wie „Surveillance“, „Infoveillance“, Artveillance usw., vgl. ebd., S. 13.
[11] Wie Anm. 3.
[12] Vgl. http://www.der-reisende.org/archives.html (abgerufen am 17.12.2025). Bernhard Reuß war noch bis Mitte der 2010er-Jahre aktiver Akteur in dem Projekt, Sascha Büttner verließ die Gruppe schon relativ bald nach Beginn.
[13] Wie Anm. 3.
[14] Ebd.
[15] Ebd.
[16] Vgl. z. B. Roland Barthes’ 1964 erschienen Essay „Rhetorik des Bildes“, in Ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, Frankfurt am Main 1990, S. 28–46, oder Vilém Flussers 1983 erschienenes Buch Für eine Philosophie der Fotografie, Berlin 2018.
[17] Wie Anm. 9, S. 14.
[18] Wolfgang Ullrich: Die Geschichte der Unschärfe, Berlin 2009, S. 135, zit. nach Hermann 2022, wie Anm. 9, S. 16.
[19] Wie Anm. 3.
[20] Vgl. http://www.der-reisende.org/logbuch/archives/250831_juist/Hafenstrasse,-Juist,-Germany,-2025-13.05.06.html (abgerufen am 29.12.2025).
[21] Wie Anm. 9, S. 50.
[22] Vgl. Winfried Stürzl, „Intervention, Performance, Partizipation. Ephemere Kunstprojekte im öffentlichen Raum in Stuttgart – eine Annäherung an ausgewählten Beispielen“, in: Matter Of (Hg.), Kunst im öffentlichen Raum in Stuttgart, aktualisierte Neuauflage, Bielefeld/Berlin 2024, S. 63–85, hier S. 71.
[23] Wie Anm. 3. Auch das Fernsehteam wurde übrigens von der Webcam dokumentiert: http://www.der-reisende.org/logbuch/archives/000236.html (abgerufen am 07.01.2026).
[24] Wie Anm. 3. Auf seiner Webseite verortet Sundheim seine Bilder im Spannungsfeld von Irrelevanz, Freizeitvergnügen, Information und Überwachung: „The Traveller examines global spread of imagery between irrelevance, amusement, information and surveillance, and the aesthetics involved.“ Vgl. https://jens-sundheim.de/portfolio/the-traveller/ (abgerufen am 29.12.2025).
[25] „Ich schaue zurück, schaue mir die Leute an, die mich da angucken.“ Jens Sundheim, wie Anm. 3.
[26] Wie Anm. 9, S. 50.
[27] Wolfgang Ullrich, Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens, Berlin 2019, S. 62.
[28] Vgl. http://www.der-reisende.org/logbuch/archives/000074.html (abgerufen am 29.12.2025).
[29] Vgl. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/trojan-room-coffee-machine-virtuelles-museum-fuer-den-ersten-star-des-internets-a-189302.html (abgerufen am 29.12.2025).
[30] Nach wie vor ist geplant, das Projekt auch in Buchform zu publizieren. Jens Sundheim, wie Anm. 3.






