Zwischen Straße und Feed

Was ist heute öffentlicher Raum?

Straßen, Plätze, Parks, Baustellen – das ist öffentlicher Raum. Oder zählen heute auch Feeds, Reels und Storys dazu?

Mit dem Projekt Zwischen Straße und Feed widmete sich YouTransfer e.V. genau dieser Frage. Denn auch wenn Plattformen wie Instagram, TikTok oder X privatwirtschaftlich betrieben werden, werden sie längst wie öffentlicher Raum genutzt: als Bühne, als Treffpunkt, als Ort der Repräsentation, der Reibung und der Teilhabe. Doch was bedeutet das – für unsere Vorstellung von Öffentlichkeit, für das Selbstverständnis von Städten, und nicht zuletzt: für die Kunst?

Um diese Schnittstelle zwischen analogem Stadtraum und digitaler Öffentlichkeit künstlerisch zu untersuchen, hat der Verein den Künstler Paulus Goerden eingeladen, mehrere Tage in Stuttgart zu verbringen und seine ortsspezifische Recherche fortzusetzen. Goerden ist bekannt für seine genauen, poetischen Beobachtungen im Alltag: Er streift durch Städte, nimmt Details wahr, die anderen entgehen – und hält sie mit seiner Kamera fest.

Was dabei entsteht, sind keine klassischen Stadtansichten – sondern kurze Videos, die urbane Fundstücke, skurrile Arrangements oder absurde Momente ins Zentrum rücken. Goerden selbst nennt sie Alltagsinstallationen: kleine Konstellationen aus Dingen, Zeichen und Zufällen, die im Vorbeigehen übersehen werden – und durch seine Linse zu ästhetischen Setzungen werden. Es sind Mini-Episoden, die mal beiläufig, mal inszeniert wirken. In ihren wenigen Sekunden erzählen sie mehr über Stadt, Gesellschaft und Wahrnehmung als viele Analysen.

Diese Videos veröffentlicht Goerden auf Social Media – und öffnet damit eine doppelte Perspektive: Einerseits verweisen die Bilder auf den realen, physischen Raum; andererseits entfalten sie ihre Wirkung erst durch die digitale Plattform, durch Likes, Kommentare, Reaktionen. Stadt wird hier nicht nur gezeigt – sie wird verhandelt.

Für YouTransfer e.V. war das der perfekte Ausgangspunkt, um das eigene Programm zur Kunst im digitalen öffentlichen Raum weiterzuentwickeln. Denn Goerdens Praxis bringt genau jene Fragen zusammen, die den Verein seit langem beschäftigen:

Wie verändert sich öffentliche Wahrnehmung im Zeitalter digitaler Medien?
Welche Rolle spielt Kunst, wenn Plattformen zu neuen Öffentlichkeiten werden?
Und wie lassen sich ästhetische Praktiken entwickeln, die diese hybriden Räume nicht nur spiegeln, sondern mitgestalten?

Goerdens künstlerische Recherche in Stuttgart war kein abgeschlossenes Werk, sondern ein offener Prozess. Seine Bilder irritieren, verlangsamen, machen aufmerksam. Sie geben keine Antworten – aber sie laden dazu ein, genauer hinzusehen. Und vielleicht selbst wieder mehr zu flanieren, zu schauen, zu fragen.

Den Abschluss des Projekts bildete eine öffentliche Veranstaltung im StadtPalais – Museum für Stuttgart. Mit Ausstellung, Diskussion und Podium wurde die Recherche in einen größeren Diskurs eingebettet – über Kunst, Öffentlichkeit, digitale Kultur und urbane Wahrnehmung.

Stuttgarter Installation des Alltags von Paulus Goerden

Paulus in Stuttgart – Analog und Digital Raum – Paulus Goerden
Alltagsinstallationen die vom Sommer erzählen – Paulus Goerden
Alltagsinstallationen – Schwäbische Ordnung – Paulus Goerden

hybride Erfahrungen DeS Stadtraum

Ein Essay von Dr. Anna Kreysing

In Paulus Goerdens Videos schaut man beim Schauen zu. Man sieht so, was man sonst wohl gerne ausblendet, gefüllte Müllsäcke am Doppelstabmattenzaun eher lieblos aufgehängt, Löcher in der Asphaltdecke der Straße und kleine Hässlichkeiten, die monotone Fassaden durchbrechen. Und zugleich erlebt man Paulus Freude an den Entdeckungen.

Let‘s Play-Videos und Gaming-Content sind schon seit gut zwanzig Jahren auf YouZube vertreten. Sie erlauben am Tätigsein einer Person teilzunehmen, ohne unmittelbar gegenwärtig zu sein. Die Praxis des Zuschauens, die als unterhaltsamer Nachvollzug verstanden wird, lässt auch DIY-Videos und How-To-Videos populär werden. Diese oft im Zeitraffer und vielfach zusammengeschnittenen Videos nähren eine eigentümliche Befriedigung des/r Zuschauenden: Man erhält eine Idee von dem, was dort fortgeführt wird, ohne dass dadurch das Bedürfnis entstehen muss, tätig zu sein oder zu werden. Das Zuschauen tritt an die Stelle des Handelns, das Erlebnis des Videos anstelle des Erlebens des Selbstmachens. Hierin kann eine digitale Fortführung der Interpassivitätsthese von Robert Pfaller und Slavoj Žižek gesehen werden: Ihr wohl berühmtestes Beispiel für Handlungen und den Genuss, der mit ihnen verbunden ist, den wir an jemanden anderen delegieren, ist das Canned Laughter, das Gelächter aus der Dose, das uns beim Schauen einer Sitcom begegnet: Es ist nicht so, dass wir uns beim Zuschauen nicht mehr amüsieren, allerdings ist dieses Erleben nun gelenkt durch eine vermittelnde Instanz. Dies ist der Hintergrund, vor dem die Kurzvideos Paulus Goerdens betrachtet werden können: Auf Instagram und TikTok etablieren sich in Anlehnung an den eben beschriebenen Content POV-/Watch Me-/Follow Me-Videos. Paulus Goerdens Format lässt sich hier zwar nicht genau zuordnen, doch er spielt mit unterschiedlichen ästhetischen Aspekten dieser Formate. Er filmt kurze Szenen oder Relikte des Alltäglichen im Stadtraum und erhebt durch seine kurzen Kommentare Nebensächlichkeiten zu Gegenständen der Anschauung und Reflexion. Er lenkt den Blick nicht nur durch Kameraführung, sondern auch durch Kommentare, die tendenziell an ASMR-Videos erinnern: Die Zuschauenden werden direkt angesprochen, die Stimme ist sehr ruhig und wirkt vertraut. Diese Ästhetik wird gegen Ende meist durch die eher flapsige Schlussformel durchbrochen. Die Praxis des Flanierens, des Müßiggangs wird zu einem interpassiven Phänomen: Die Zuschauenden nehmen daran teil, lassen sich etwas im öffentlichen Raum zeigen. Sie erleben, was eigentlich so unverrückbar analog erscheint: Die Kuriositäten, die nur der/die entdeckt, wer die Welt da draußen mit einem voraussetzungslosen Blick betrachtet.

Der öffentliche Raum wird durch die digitale Präsentation zu einem digital vermittelt erlebbaren, es entstehen hybride Erlebnisse. Ohne die Mühe der Entdeckung auf sich zu nehmen, haben die Follower:innen teil, erleben die Fundstücke und den Stadtraum, der sich durch die Videos zu einem hybriden Raum wandelt. Welten verschränken sich dabei in beide Richtungen, Kommentare der Follower:innen werden von Paulus aufgegriffen, auf Objekten angebracht und fordern die Community auf, den Ort aufzusuchen oder ein signiertes Fundstück mitzunehmen. So wird schließlich die Dimension des Lokalen betont, die von den sozialen Medien oft allzu weit getrennt erscheint. Wenn zuletzt der delegierte Genuss den eigenen Blick genug herausgefordert hat, dann merkt man, dass man selbst anders auf die Welt sieht; wenn der vollgestopfte Müllsack kein Grund mehr zum Weg- sondern zum Hinschauen ist.

Über: Dr. Anna Kreysing promovierte in der philosophischen Ästhetik zur Ästhetischen Erfahrung. Sie interessiert sich insbesondere dafür, wie Kunst auf das Erkennen wirkt. Nach ihrem akademischen Werdegang an der TU Dortmund, der University of Virginia und der ETH Zürich, pendelt sie aktuell zwischen dem Klassenzimmer und der Kunstakademie Düsseldorf, wo sie Fortbildungsmodule für Kunstlehrkräfte mit Bezug zur Kultur der Digitalität entwickelt.

Öffentliche Räume? Öffentliche Fragen.

Ein Rückblick auf die Abendveranstaltung „Zwischen Straße und Feed“ am 29. Oktober 2025 im StadtPalais Stuttgart

Was ist öffentlicher Raum – heute, im digitalen Zeitalter? Diese scheinbar einfache Frage erwies sich am 29. Oktober 2025 im StadtPalais Stuttgart als vielschichtig, herausfordernd – und hochaktuell. Eingeladen hatten YouTransfer e.V. und das StadtPalais – Museum für Stuttgart zu einem öffentlichen Abend, der den Abschluss der künstlerischen Recherche von Paulus Goerden bildete. Sein Projekt „Zwischen Straße und Feed“ fragt danach, wie sich Stadtraum verändert, wenn er nicht mehr nur physisch, sondern auch digital erfahrbar wird. Wie verändert sich unsere Wahrnehmung von Stadt, wenn das tägliche Beobachten, Flanieren, Dokumentieren auf Plattformen wie Instagram weiterlebt – und sich dort ein neues Publikum sucht?

Goerden präsentierte seine in Stuttgart entstandenen Video-Miniaturen: kurze, poetische Beobachtungen von Fundstücken, Arrangements und absurden Momenten im urbanen Alltag. Doch seine Praxis blieb nicht unkommentiert – vielmehr war sie Ausgangspunkt für eine lebendige Diskussion über Öffentlichkeit, Sichtbarkeit und künstlerisches Handeln im Zeitalter digitaler Plattformen. Die Diskussion wurde moderiert von Kirsten Bayer, Leiterin des Fachbereichs Kunst im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt Stuttgart. Auf dem Podium: Lars Henrik Gass, Direktor des neuen Stuttgart Moving Image Center / Haus für bewegte Bilder; Paula Agarwalla, freie Journalistin beim SWR; und Paulus Goerden selbst.

Digitale Räume – neue Öffentlichkeit?

Verschiedene Perspektiven prägten das Gespräch – teils ergänzend, teils spannungsvoll: Goerden beschrieb, wie durch seine Arbeit digitale Plattformen zu einem Erweiterungsraum des Analogen werden. Seine Videos, so erklärte er, entstehen nicht für die Plattform – aber entfalten dort Wirkung. In Kommentaren, Reaktionen, Diskussionen entstehen neue Bezugspunkte zwischen Stadt und Publikum.

Lars Henrik Gass setzte dem eine eher strukturkritische Perspektive entgegen. Er erinnerte daran, dass Plattformen wie Instagram privatwirtschaftlich organisiert sind und nicht dieselben demokratischen Aushandlungsprozesse ermöglichen wie klassische öffentliche Räume. Sichtbarkeit, so Gass, sei dort Ergebnis von Algorithmen, nicht von Öffentlichkeit im politischen Sinn. Diese Einordnung war keine Ablehnung digitaler Räume, aber eine Einladung zur Differenzierung – zur Reflexion darüber, unter welchen Bedingungen Öffentlichkeit entsteht.

Paula Agarwalla brachte schließlich die Sichtweise junger Nutzer:innen ein – und erzählte aus ihrer redaktionellen Praxis beim SWR, in der Plattformästhetiken, Alltagskultur und gesellschaftliche Debatten längst zusammenwirken. Für viele, so Agarwalla, ist digitale Öffentlichkeit längst Teil des Alltags – mit eigenen Regeln, aber auch mit viel Potenzial für Austausch, Teilhabe und neue Formen des Erzählens.

Kirsten Bayer lenkte die Diskussion immer wieder auf die Frage, wie sich Kunst im öffentlichen Raum heute verändert: Wie können künstlerische Praktiken auf hybride Räume reagieren? Was bedeutet kuratorische Verantwortung, wenn sich Stadtraum nicht mehr nur analog, sondern auch digital entfaltet?

Keine einfachen Antworten – aber wichtige Fragen

Das Publikum im StadtPalais reagierte engagiert – mit Zustimmung, kritischen Rückfragen und weiterführenden Gedanken. Was bleibt, ist kein einheitliches Bild von Öffentlichkeit – sondern ein Impuls, den öffentlichen Raum, ob digital oder analog, als ein umkämpftes Feld zu begreifen: wandelbar, widersprüchlich, voller Chancen und Risiken. Kunst kann in diesem Spannungsfeld ein entscheidender Impulsgeber sein – nicht als Illustration, sondern als Wahrnehmungsschule, als Störung, als Angebot zur Reflexion. Der Abend im StadtPalais war dafür ein Auftakt – ein Gesprächsbeginn, keine letzte Antwort.

Wir danken allen Beteiligten ganz herzlich – insbesondere Paulus Goerden für seine künstlerische Recherche und den klugen Blick auf Stuttgart, Kirsten Bayer für die einfühlsame und pointierte Moderation, Lars Henrik Gass und Paula Agarwalla für ihre fundierten und kontroversen Beiträge, dem StadtPalais – Museum für Stuttgart für die wunderbare Kooperation – namentlich Yannick Nordwald (Leitung Ausstellungen & Sammlung) und Elmira Gasanova (Veranstaltungsleitung) – sowie der Landeshauptstadt Stuttgart und der Wüstenrot Stiftung für die Förderung des Projekts. Unser besonderer Dank gilt außerdem Dr. Anna Kreysing für ihren essayistischen Beitrag, dem Kunstforum International für die freundliche Unterstützung sowie Clair Bötschi für die Kuration & Projektleitung.

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