KÜNSTLICHE GEGENWART #4Interviewporträt zu Kunst, KI und kreativer Arbeit

Wenn Bilder fliegen lernen“


re:mote—analog art x AI (2025) © Christa Winter.

Christa Winter über Malerei, KI und den Kreislauf zwischen analoger und digitaler Kunst

Wer das Atelier von Christa Winter im Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch betritt, taucht in einen Kosmos ein, der sich einfacher Kategorisierungen entzieht. Hier stapeln sich die wohlgeordneten Zeugnisse einer Dekaden übergreifenden Auseinandersetzung mit Licht, Farbe und Form. Winter ist keine Newcomerin im Bereich der Technologie, sondern eine Grenzgängerin, die das analoge Handwerk meisterhaft beherrscht und die Künstliche Intelligenz als abenteuerlichen Exkurs begreift.

Ihre künstlerische Laufbahn begann im Ruhrgebiet: In Duisburg geboren und in Münster ausgebildet, prägte eine Zufallsbegegnung auf einem Kongress des Bundes Freischaffender Fotodesigner (BFF) ihren Weg. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann und Partner im Geiste, Conny Winter, kennen. Kurz nach ihrem zweiten Staatsexamen folgte der Umzug nach Stuttgart. In der schwäbischen Metropole tauchte sie tief in die Welt der Fotografie ein. Über Jahre hinweg bildeten sie und Conny ein künstlerisches Team. Nach außen hin trat oft nur sein Name in Erscheinung, doch die kreative Substanz war ein Gemeinschaftswerk. „Ich habe mich immer gefreut, wenn meine Ideen umgesetzt wurden“, reflektiert sie heute ohne Bitterkeit. In dieser Phase schulte sie ihr wichtigstes Werkzeug: das Auge. Das „fotografische Gucken“ und das „künstlerische Sehen“ befruchteten sich gegenseitig und legten den Grundstein für alles, was folgen sollte.

Der Moment der radikalen Emanzipation kam am 9. September 1990. Im Zuge ihrer ersten großen Soloschau mit dem Titel Bilder und Objekte bespielte sie das alte Straßenbahndepot in Stuttgart-Vogelsang. Das Datum war ein Zufall, doch die Dimensionen waren eine Ansage: 1600 Quadratmeter Ausstellungsfläche, bestückt mit zum Teil monumentalen Arbeiten, rückblickend bewundert Winter ihren damaligen Mut selbst. Ohne ein echtes Atelier entstanden diese großformatigen Werke im heimischen Flur. „Ein fertiges Bild kam auf die Bühne, damit wieder Platz zum Arbeiten war“, beschreibt sie den Entstehungsprozess. Diese Form von Kunst, die „rough“ war und dennoch erfolgreich, ebenete ihr den Weg in die eigene Karriere als freischaffende Künstlerin.

Heute nutzt Christa Winter die Künstliche Intelligenz als ihr „drittes Auge“. Dabei verfällt sie nicht in reine Euphorie, sondern bewahrt sich eine gesunde Skepsis. Sie betrachtet die KI wie einen hochgezüchteten Rennwagen, einen Boliden, für den sie zwar die Zielkoordinaten kennt, dessen komplexe Schaltung sie aber lieber einem Experten überlässt. Diesen „Fahrer“ hat sie in ihrem Assistenten Marcel gefunden, den sie scherzhaft ihren „menschlichen Claude“ nennt, eine Anspielung auf das Sprachmodell von Anthropic.

„Ich bin naiv im Sinne von neugierig“, sagt sie über sich selbst. Sie gibt die Briefings, verlangt nach „bakteriösen Formen“ in Pink und Gelb oder nach „zackigen, konstruktivistischen“ Elementen. Marcel setzt die technischen Hebel in Bewegung, doch die Entscheidungsgewalt bleibt ganz bei der Künstlerin. Winter wählt aus, verwirft und veredelt. Sie nutzt die Maschine, um ihre Collagen aus Scans, Farbtests und Pinselstrichen in neue Sphären zu heben, ohne die urheberrechtliche Relevanz aus dem Blick zu verlieren.

Die Auseinandersetzung führte zu ihrem aktuellen Projekt re:mote—analog art x AI. In einer Zeit, in der QR-Codes oft als „hässliche, schwarz-weiße Biester“ erscheinen, hat Winter diese technisch notwendigen Übel in kleine Kunstwerke verwandelt. Diese Codes fungieren als Portale zu einer neuen Dimension ihrer Bilder. Wer den Code scannt, erlebt, wie sich das an der Wand hängende Motiv auf dem Display auflöst. In kurzen Sequenzen fliegen die Bildelemente davon, wie ein Vogelschwarm oder eine Strömung, lassen eine weiße Leere zurück und fügen sich dann – mal in stringenter Ordnung, mal nach dem Zufallsprinzip – wieder zusammen. „Zeitkunst“ nennt sie das. Es sei ein Spiel mit der Wahrnehmung, das an die Anfänge der Fotografie erinnere. Aus diesen KI-gesteuerten Abläufen generiert sie wiederum Einzelbilder, die sie als Vorlage für neue Ölmalereien oder Aquarelle nutzt, ein homogener Kreislauf zwischen analoger Stauung und digitalem Fluss. Sie zieht Parallelen zur Erfindung der Ölfarbe in Tuben, die es Maler:innen ermöglichte, ihre Ateliers zu verlassen und pleinair zu arbeiten. Kunst im 21. Jahrhundert müsse kein „Entweder-Oder“ sein, denn der Kern bleibe so oder so immer derselbe: Die Lust am Experiment und die Überzeugung bewahren, dass ein schöpferischer Geist immer über seinem Werkzeug stehen muss.

Trotz der produktiven Aspekte bleibt die Künstlerin kritisch. Sie reflektiert über den Ressourcenverbrauch von KI und warnt vor dem Missbrauch der Technologie für kriegerische Zwecke. Den Gegenpol zur digitalen Perfektion findet sie im Aquarell. Auf großen Papierbahnen kämpft sie mit der Unberechenbarkeit des Wassers. Die Farbe zieht, Winter kontrolliert den Trocknungsprozess und hält so gewahr, dass die physische Geste unersetzlich bleibt.

Christa Winter

Bildende Künstlerin
Website: https://www.christa-winter.com/
Projekt: BrotPoesie
Aktueller Artikel: Ist das KI oder kann das weg? Was Stuttgarter Kreative daraus machen – Uew Bogen

Bildrechte © Christa Winter