KÜNSTLICHE GEGENWART #2 – Interviewporträt zu Kunst, KI und kreativer Arbeit
„Zwischen Wurzelwerk und Code“

unnamed tree ∞/∞-Zeichnung mit der dARwin-App (2018) und Skulptur mit der unnamed tree ∞/∞-App über QR-Code gescannt und generiert (2024)
Langzeitprozesse und Transformation in der Praxis von Angela Murr
Die Praxis von Angela Murr erschließt einen Resonanzraum zwischen Wurzelwerk und Code, auf einem dezidierten Feld generativer Formen. Das Gespräch entfaltet sich zunächst unscheinbar, eingebettet in ein diffuses, aber dichtes Geäst aus langjährigen Bekanntschaften, institutionellen Verbindungen und dem lokalen Stuttgarter Kunstbetrieb. Doch schnell wird deutlich, dass diese beiläufig modellierte Topografie selbst bereits ein zentrales Motiv ihrer gesamten künstlerischen Arbeit antizipiert: Es geht um Verzweigungen, Relationen und deren organisches Wachstum. Was sich im sozialen Geflecht nur andeutet, findet in ihren Werken eine präzise formale Entsprechung, die technologische Logik mit biologischen Prinzipien kurzschließt.
Geradezu exemplarisch steht dabei das über Jahrzehnte weiterentwickelte Projekt Unnamed tree ∞/∞, das Angela Murr selbst als wesentlichen Teil ihrer persönlichen Mythologie bezeichnet: „Das ist tatsächlich schon so.“ Diese seit den späten 1990er-Jahren stetig wachsende Werkserie ist für viele Wegbegleiter:innen ihr künstlerisches Markenzeichen geworden: „Viele, die mich kennen, wissen: Das ist die mit den Baumstrukturen.“
Die titelgebenden Bäume sind jedoch keineswegs bloße Abbilder der Natur, sondern algorithmisch erzeugte, reduzierte Strukturen, die dennoch semantische Tiefe besitzen. Sie verweist in diesem Kontext einerseits auf eine Abhandlung von Howard Hull (An unnamed tree von 1981), welche ihr während ihres Studiums am Edinburgh College of Art begegnete, sowie andererseits auf den von Gilles Deleuze und Félix Guattari in den 1970er-Jahren entwickelten Begriff des Rhizoms.
Die Baumstrukturen entstehen aus streng regelbasierten Prozessen, die Variation und Wachstum simulieren, ohne dabei willkürlich zu erscheinen. Die Künstlerin insistiert in diesem Kontext auf einer begrifflichen Differenzierung: Während klassische Algorithmen determinierte Regeln ausführen, operieren moderne KI-Modelle mit komplexen statistischen Lernprozessen: „Das ist eigentlich generative Kunst, das hat nichts mit KI im engeren Sinne zu tun.“
In ihrem partizipativen Projekt dARwing erscheint die Künstliche Intelligenz als eine Prolongation künstlerischer Handlungsmöglichkeiten. Der scheinbar widersprüchlich implementierte Begriff der Technikfreiheit meint in diesem Rahmen keine romantische Abkehr von moderner Technologie, sondern im Gegenteil deren Internalisierung und Perfektionierung. Technik soll in ihrer Vision nicht mehr als sperriger Widerstand oder komplexe Schnittstelle spürbar sein, sondern als transparente und unmittelbare Bedingung der künstlerischen Artikulation dienen. So entwickelte sie mit Unterstützung des ESA BIC BW ein App-gesteuertes Zeichentool für den Raum, das Nutzer:innen befähigt, dreidimensionale Grafiken ohne klassisches Medium zu erstellen, während Body-Tracking ihre Bewegungen in Augmented Reality übersetzt. Die zugrunde liegende KI erlaubt es dem System, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Aus dieser Kooperation ging das Start-Up AugmentedCampus hervor, in welchem Angela künstlerisch und forschend eruiert, wie sich motorische und kognitive Fähigkeiten, räumliche Vorstellungskraft sowie ästhetische Eigenständigkeit durch Extended Reality expandieren lassen.
Das wiederkehrende Paradoxon ihrer Arbeit ist, dass gerade die hohe technologische Komplexität dazu dient, eine Erfahrung von Unmittelbarkeit zu generieren. Angela Murr beschreibt dies explizit als ein Wandern „von einem zum nächsten Medium“, wobei die zugrundeliegenden Strukturen eine kontingente Metamorphose durchlaufen.
Besonders deutlich wurde dies bei der notwendigen Migration früherer Flash-Arbeiten in moderne Umgebungen. Eine frühe Arbeit des Unnamed-Tree-Kosmos musste aufgrund der technologischen Veraltung komplett neu generiert werden. Hier zeigt sich eine grundsätzliche Herausforderung zeitgenössischer Medienkunst: Die Werke sind nicht statisch konservierbar, sondern müssen aktiv am Leben erhalten und technologisch übersetzt werden. Ihr künstlerischer Prozess impliziert somit heute zwingend auch Fragen der digitalen Langzeitarchivierung.
Im kritischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz nimmt Angela eine differenzierte und reflektierte Position ein. Einerseits fasziniert sie das transformative Potenzial von Systemen, die eigenständig lernen und dadurch völlig neue Räume für kreative Interaktionen öffnen. Andererseits spart sie nicht mit Kritik an der institutionellen Trägheit. Bildungssysteme und Hochschulen reagieren ihrer Ansicht nach viel zu langsam auf die disruptiven und akzelerierenden Veränderungen der Digitalität, eine Beobachtung, die sich von den 1990er-Jahren bis heute zusehends verfestigt.
Ihre Praxis kann daher als eine Form von künstlerischer Gegenbewegung verstanden werden, die technologische Entwicklungen frühzeitig besetzt, bevor sie rein kommerziell oder normativ institutionalisiert werden. Letztlich sind auch hier die wiederkehrenden Baum- und Netzwerkstrukturen weit mehr als nur ein formales Motiv, sondern eine zentrale Denkfigur. Sie verbinden unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit: biologische Prozesse, neuronale Netzwerke, soziale Gefüge und algorithmische Datenströme.
In dieser Ambivalenz liegt der Kern ihrer Arbeit. Angela Murr macht sichtbar, dass natürliche und künstliche Systeme zusehends die gleichen Organisationsstrukturen aufweisen, sie sind verzweigt, rekursiv und potenziell unendlich. Das Porträt zeigt eine Künstlerin, die Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als ein lebendiges, wachsendes System versteht, das sich in einer Welt aus Code und Materie immer wieder neu verästelt.

Angela murr
Künstlerin
Website: https://www.angelamurr.de/
Projekt: unnamed tree ∞/∞“ und „AgumentedCampus“: dARwing
Aktuelles Projekt: https://www.einfenster.net/
Bildrechte © Angela Murr