Wenn KI über Kunst entscheidet
Am 17. Dezember 2025 fand die öffentliche Live-Auswertung des KI-Fellowships 2025 statt. In einem ca. 90-minütigen Stream wertete das KI-basierte Analyseverfahren IKARUS alle eingereichten Bilder in Echtzeit aus, erstellte ein Ranking und traf die Entscheidung über die Vergabe der Stipendien – vollständig automatisiert, ohne menschliche Jury und ohne Eingriffe.
Der Entscheidungsprozess der KI wurde dabei nicht nachträglich erklärt, sondern live sichtbar gemacht, begleitet und kommentiert. Während IKARUS rechnete, wurden die Ergebnisse gemeinsam beobachtet, eingeordnet und hinterfragt. Der Stream folgte bewusst keiner klassischen Podiumslogik, sondern entstand offen, spontan und ohne festes Skript – näher an einem Live-Kommentar als an einer kuratierten Diskussion.
Gemeinsam mit Gästen aus Kunst, Wissenschaft und Verwaltung wurde verhandelt, was es bedeutet, wenn Maschinen ästhetische Urteile fällen: Welche Logiken werden sichtbar? Wo entstehen Irritationen? Und wie verändert sich der Blick auf Kunst, Bewertung und Autorschaft, wenn algorithmische Systeme entscheiden?
Die Aufzeichnung dokumentiert diesen Moment als performative Situation zwischen Auswertung, Beobachtung und Diskussion – ohne Anspruch auf Abschluss, sondern als offenes Experiment. Moderiert wurde der Stream von Clair Bötschi (YouTransfer e.V.). Als spontane Gäste waren Prof. Dr. Birgit Schenk (Professorin für Informationsmanagement, E-Government und digitale Transformation an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg), Ioanna Valavanis (freie Kuratorin und Kunsthistorikerin) sowie Prof. Florian Bayer (Professor für Visuelle Kommunikation an der Merz Akademie Stuttgart, Illustrator und Autor) eingeladen. Sie brachten aus unterschiedlichen Perspektiven Beobachtungen, Fragen und Irritationen in den laufenden Prozess ein – nicht als Jury, sondern als kommentierende Begleitung eines algorithmischen Entscheidungsakts.
Zum KI-Fellowship 2025
Mit dem KI-Fellowship 2025 erprobt der Kunstverein YouTransfer e.V. neue Formen der Kunstförderung im digitalen öffentlichen Raum. Im Zentrum steht die Frage, was passiert, wenn nicht Menschen, sondern Maschinen ästhetische Entscheidungen treffen – und wie sich dadurch Bewertungslogiken, Förderpraxis und Öffentlichkeit verändern.
Die Ausschreibung zum KI-Fellowship 2025 ist nun abgeschlossen. Alle Informationen zum Open Call, den Teilnahmebedingungen und zum Auswahlverfahren finden sich hier:
Zur Ausschreibung KI-FELLOWSHIP 2025 Zu den KI-Fellows 2025Gäste im Live Stream
Prof. Dr. Birgit Schenk
Professorin für Informationsmanagement, E-Government und Organisation an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg.
Sie forscht zu digitalen Transformationsprozessen im öffentlichen Sektor mit besonderem Fokus auf KI-gestützte Beratung und Service-Gestaltung, Prozess(re-)Organisation, Wissensmanagement, lebenslanges Lernen sowie E-Participation. Prof. Dr. Schenk leitet gemeinsam mit Kolleg:innen das Kompetenzzentrum für Digitale Transformation im öffentlichen Sektor am Institut für Angewandte Forschung.
Ioanna Valavanis
Kuratorin und Kunsthistorikerin.
Ioanna Valavanis arbeitet an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, kuratorischer Praxis und institutioneller Kritik. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Fragen zu kuratorischen Theorien und Praktiken, Machtstrukturen sowie den Bedingungen, unter denen Kunst bewertet, vermittelt und legitimiert wird. Zuletzt war sie u. a. für die ifa-Galerie Stuttgart, die Villa Merkel und am Rupert- Center for Art, Residency and Education tätig.
Ab 2026 wird sie ein Forschungsvolontariat am Marta Herford aufnehmen, einem Museum für zeitgenössische Kunst mit Bezügen zu Design und Architektur.
Prof. Florian Bayer
Professor für Visuelle Kommunikation an der Merz Akademie Stuttgart, Illustrator und Autor.
Seit 2007 arbeitet Florian Bayer als freischaffender Illustrator, zunächst in Brighton (UK), später in Berlin und heute mit Studio in Esslingen am Neckar. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten im Bereich Editorial- und Buchillustration, die mehrfach international ausgezeichnet wurden (u. a. World Illustration Award, Lead Award, European Design Award, German Design Award). Seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, u. a. in Berlin, Hamburg, Stuttgart, London, Mailand, Paris, Los Angeles und Seoul.
Einordnung
Im Rahmen von IKARUS LIVE wurden die drei KI-Fellows 2025 sichtbar, die vollständig durch ein KI-basiertes Auswahlverfahren bestimmt wurden: Hannah J. Kohler, Sarah Kungl und Simon Stegmann. Mehr zu den Fellows: https://you-transfer.com/2025/12/20/die-ki-fellows-2025/
Die Auswahl vereint sehr unterschiedliche künstlerische Praxen und Positionen – von einer etablierten künstlerischen Arbeit über eine fortgeschrittene Studienphase bis hin zum frühen Stadium künstlerischer Ausbildung. Diese Spannbreite ist kein kuratorisches Statement, sondern das Ergebnis einer rein visuellen, algorithmischen Bewertung.
Gerade darin liegt die Besonderheit des KI-Fellowships: Erfahrung, institutionelle Einbindung oder biografische Zuschreibungen spielten keine Rolle. Entscheidend war allein, wie die eingereichten Bilder im Rahmen des maschinellen Analyseprozesses gelesen, gewichtet und zueinander in Beziehung gesetzt wurden.
IKARUS LIVE machte diesen Entscheidungsakt öffentlich sichtbar – nicht als abgeschlossenen Maßstab, sondern als Moment der Beobachtung, Irritation und Reflexion darüber, wie sich Bewertung, Autor:innenschaft und Förderung verschieben, wenn algorithmische Systeme Entscheidungen treffen.
Danksagung
Das KI-Fellowship 2025 wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Landeshauptstadt Stuttgart, Kulturamt – im Rahmen des Programms für Kunst im öffentlichen Raum – sowie durch die Wüstenrot Stiftung und die LBBW Stiftung. Wir danken den Förderern für das Vertrauen in dieses experimentelle Format an der Schnittstelle von Kunst, digitalem öffentlichem Raum und algorithmischer Entscheidungsfindung.
Ein besonderer Dank gilt ideas that matter (ITM) aus Stuttgart-West für die technische Konzeption und Umsetzung des KI-Fellowships. Stephen Obermeier, Geschäftsführer und KI-Experte der Agentur, verantwortete die Entwicklung des Analyseverfahrens IKARUS sowie die technische und konzeptionelle Umsetzung von IKARUS LIVE. Mit seiner Arbeit wurde das Auswahlverfahren nicht nur funktional realisiert, sondern als sichtbarer, performativer Prozess erfahrbar gemacht.




