KI-Fellowship 2024

Eine KI entscheidet über Kunstförderung

Was passiert, wenn eine Künstliche Intelligenz nicht nur Kunst erzeugt oder über sie spricht – sondern darüber entscheidet, welche Kunst gefördert wird?

2024 startete YouTransfer das KI-Fellowship als Experiment an der Schnittstelle von Kunst, Künstlicher Intelligenz und Kulturförderung. Drei reale Projektstipendien wurden vergeben. Über die Auswahl entschied keine klassische Jury, sondern der KI-Kunstkritiker AIDEN – ein Kunstprojekt des Künstlers Clair Bötschi.

Konzipiert, entwickelt und durchgeführt wurde das KI-Fellowship 2024 von Clair Bötschi für YouTransfer e.V. Damit begann ein Experiment, das YouTransfer seitdem jedes Jahr mit einem neuen Verfahren weiterentwickelt: Wie verändern algorithmische Systeme kulturelle Entscheidungen? Was geschieht mit Kriterien wie Qualität, Innovation oder Relevanz, wenn Maschinen sie anwenden? Und was sagt der Versuch über die menschlichen Verfahren aus, die er ersetzt?

Das Experiment

AIDEN wurde von Clair Bötschi als künstlerische Arbeit und digitaler Kunstkritiker entwickelt. Die KI betrachtet Kunstwerke, interpretiert sie und formuliert eigenständig Kunstkritiken. Das Projekt untersucht damit die Rolle von Kritik, Autorschaft und maschinellem Urteil im Kunstbetrieb.

Für das KI-Fellowship 2024 wurde dieses künstlerische Experiment erstmals mit einer realen institutionellen Entscheidung verbunden: AIDEN sollte nicht mehr nur über Kunst sprechen, sondern tatsächlich darüber entscheiden, welche künstlerischen Projekte finanzielle Förderung erhalten.

YouTransfer gab den thematischen Rahmen vor: Gesucht wurden künstlerische Projekte an der Schnittstelle von digitalem und öffentlichem Raum. Die konkrete Ausschreibung und das Auswahlverfahren entstanden anschließend im Dialog mit AIDEN.

Die KI entwickelte Kriterien für die Förderung und bewertete später anhand dieser Kriterien die eingegangenen Bewerbungen. Dazu gehörten unter anderem künstlerische Qualität, Innovationskraft und der kreative Umgang mit dem digitalen öffentlichen Raum.

Auch auf der anderen Seite des Verfahrens war KI ausdrücklich vorgesehen: Die Bewerber:innen wurden aufgefordert, ihren Bewerbungstext mithilfe einer Künstlichen Intelligenz zu erstellen.

So entstand ein Fördersystem, in dem Maschinen an mehreren Stellen beteiligt waren: KI half dabei, die Regeln zu formulieren. KI unterstützte die Künstler:innen bei ihren Anträgen. Und KI entschied schließlich über deren Förderung.

Drei Stipendien. Eine KI-Jury.

Vom 1. bis 30. November 2024 konnten sich Künstler:innen, Initiativen und Gruppen aus Deutschland für das Fellowship bewerben. Insgesamt gingen 38 Bewerbungen ein.

Die Bewerbungsdaten wurden automatisiert für AIDEN aufbereitet. Die KI prüfte die eingereichten Projekte, bewertete sie anhand der zuvor entwickelten Kriterien und erstellte daraus ein Ranking. Auch die Begründungen der Juryentscheidung sowie die Zu- und Absagen wurden von AIDEN formuliert.

Der eigentliche digitale Auswahlprozess dauerte weniger als zehn Minuten.

Das Fellowship stellte damit nicht nur die Frage, ob eine KI Kunst bewerten kann. Es konfrontierte ein etabliertes System der Kulturförderung mit einer anderen Form des Entscheidens: Was bedeutet eine Juryentscheidung noch, wenn 38 Bewerbungen innerhalb weniger Minuten ausgewertet werden können? Wo entstehen dabei neue Formen von Abhängigkeit und Verzerrung? Und wie verändert sich kulturelle Autorität, wenn Entscheidungen nicht mehr von einer Gruppe von Menschen, sondern von einem technischen System getroffen werden?

Eunjeong Kim

Eunjeong Kim verbindet in ihrem Projekt traditionelle Malerei mit digitalen Medien und schafft dabei eine Symbiose aus analogem und virtuellem Raum. Beyond the Canvas reflektiert die Rolle der Kunst im digitalen Zeitalter und untersucht, wie neue Technologien klassische Kunstformen erweitern und neue Formen der Wahrnehmung ermöglichen können.

Eunjeong Kim ist eine Künstlerin, deren Arbeit die Verbindung analoger und digitaler Medien erforscht, um immersive räumliche Erfahrungen zu schaffen, die über die Grenzen konventioneller bildender Kunst hinausgehen. Durch die Kombination traditioneller Maltechniken mit 3D-Animationen, VR und AR entstehen Räume, in denen die Betrachter:innen Kunst nicht mehr ausschließlich als statisches Gegenüber erfahren.

Dabei verändert sich auch ihre Rolle: Sie werden eingeladen, sich innerhalb dieser hybriden Bildräume zu bewegen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und selbst Teil der Wahrnehmungssituation zu werden. Digitale Technologien dienen dabei nicht als Ersatz für die Malerei, sondern als deren Erweiterung. In Beyond the Canvas treffen physische Bildfläche und virtueller Raum aufeinander und eröffnen einen Zwischenraum, in dem sich die Grenzen zwischen analoger und digitaler Erfahrung zunehmend auflösen.

Max Haarich

Mit Humor und Tiefgang beleuchtet “Smart Hans” die Mensch-Maschine-Interaktion und hinterfragt die gesellschaftliche Rolle künstlicher Intelligenz. Dieses Münchner Projekt schafft spielerische Verbindungen zwischen digitalen und physischen Räumen und zeigt die kreativen Möglichkeiten neuer Technologien.

„Max Haarich (er/ihm) ist Künstlerischer Forscher mit den Schwerpunkten Künstliche Intelligenz und web3. Er hat Kommunikationswissenschaften an der RWTH Aachen und Critical Thinking an der University of the Underground (US) studiert. Nach seinem Studium forschte er an der RWTH Aachen im Bereich Künstliche Superintelligenz und arbeitete später als Manager Communications für Europas führendes Startup-Center, bevor er seinen Job kündigte, um die Münchner Botschaft der litauischen Künstlerrepublik Užupis zu gründen.

Max Haarich arbeitet in verschiedenen Medien, von rein digitaler Kunst über Performance und Installation bis hin zu Glasmosaik. Sein Ziel ist es, vorherrschende Paradigmen zu benennen und in Frage zu stellen, um bisher undenkbare Ideen zu erforschen. Seine Werke wurden von Museen wie dem Francisco Carolinum gesammelt und auf Festivals wie Ars Electronica und New Now ausgestellt.“

Julia Hainz & Carmen Westermeier

“The Symbiotic Approach” kombiniert Performance, Technologie und urbane Gestaltung zu einer einzigartigen künstlerischen Erfahrung. Das Künstlerinnenduo schafft Verbindungen zwischen digitalen und physischen Räumen, die nicht nur kreativ, sondern auch gesellschaftlich relevant sind.

Carmen Westermeier, transdisziplinäre Künstlerin, Aktivistin und Researcher aus Stuttgart, beschäftigt sich mit feministischer Epistemologie und körperpolitischer Praxis. Ihre Werke wurden u. a. in der CFA Berlin, dem Kunstpalais Erlangen und der Biennale der jungen Künste in Mulhouse gezeigt. Seit 2022 ist sie akademische Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Julia Hainz lebt in Frankfurt am Main und erforscht in Performances und Installationen körperliches Wissen und Normen. Sie ist Doktorandin an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und künstlerische Mitarbeiterin an der Kunsthochschule Kassel. Ihre Arbeiten waren u. a. im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt und im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zu sehen.

2024 erhielten sie gemeinsam den Kunstpreis Diana und das Austauschstipendium Baden-Württemberg – Katalonien in Barcelona.

Ein Experiment über Kunst – und über ihre Institutionen

Das KI-Fellowship 2024 war bewusst kein Versuch, zu beweisen, dass Maschinen die „besseren“ Jurys sind. Das Verfahren machte vielmehr sichtbar, wie viele Entscheidungen bereits vor einer eigentlichen Juryentscheidung getroffen werden: durch Kriterien, Kategorien, Formulare, Daten und die Vorstellung davon, was überhaupt als förderungswürdig gilt. Eine KI beseitigt diese Bedingungen nicht. Sie verschiebt sie.

An die Stelle persönlicher Erfahrungen, Diskussionen und institutioneller Dynamiken treten Trainingsdaten, Modelle, Prompts und technische Parameter. Damit stellt sich die Frage nach Objektivität neu: Nicht ob ein System vollkommen neutral entscheiden kann, sondern wo seine Voraussetzungen liegen und wer sie bestimmt. Die Erfahrungen aus dem Fellowship wurden anschließend auch kulturpolitisch diskutiert. In den Kulturpolitischen Mitteilungen erschien 2025 der Beitrag „Künstliche Intelligenz in der Kunstförderung – Eine Herausforderung für die Kulturpolitik?“ von Clair Bötschi. Darin wird das Experiment zum Ausgangspunkt für die Frage, welche Rolle KI künftig in Jury- und Förderverfahren spielen könnte – und welche neuen Probleme dadurch entstehen.

KI-Fellowship 2024 – Ein Projekt von YouTransfer e.V.

Idee & künstlerische Konzeption: Clair Bötschi
Entwicklung & Durchführung: Clair Bötschi / YouTransfer e.V.
KI-Kunstkritiker: AIDEN – ein Kunstprojekt von Clair Bötschi
Ausschreibungszeitraum: 01.–30. November 2024
Bewerbungen: 38
Stipendien: 1.500 € / 1.000 € / 500 €
Fellows: Eunjeong Kim · Max Haarich · Julia Hainz & Carmen Westermeier
Förderung des Programms: Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart

Weitere Informationen

Originalausschreibung KI-Fellowship 2024
Die ursprüngliche Ausschreibung mit Förderbedingungen, Bewerbungsverfahren und den von AIDEN entwickelten Auswahlkriterien. → Zur Ausschreibung

Künstliche Intelligenz in der Kunstförderung
In den Kulturpolitischen Mitteilungen reflektiert Clair Bötschi das Experiment und fragt nach den Möglichkeiten und Grenzen von KI in kulturellen Förderverfahren. → Artikel lesen

AIDEN – KI-Kunstkritiker
AIDEN ist ein Kunstprojekt von Clair Bötschi und bildete den Ausgangspunkt für das erste KI-Fellowship. Der digitale Kunstkritiker betrachtet, interpretiert und bewertet Kunst – und wurde 2024 erstmals zum Entscheider über reale Kunstförderung. → Mehr über AIDEN